Drei Jahre Scicomm-Support: Interview mit Julia Wandt
#Wissenschaftskommunikation
antonia mathia
Seit 2023 unterstützt der Scicomm-Support bei Anfeindungen in der Wissenschaftskommunikation. Julia Wandt ist von Beginn an dabei und berichtet, was den Scicomm-Support weltweit einzigartig macht und mit welchen Herausforderungen sie in ihrer Arbeit konfrontiert ist.
Der Scicomm-Support ist die zentrale Anlaufstelle bei Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation. Er wurde seit Herbst 2021 auf Initiative des Bundesverbands Hochschulkommunikation und Wissenschaft im Dialog aufgebaut und 2023 in den Forschungsverbund "Kapazitäten und Kompetenzen im Umgang mit Hassrede und Wissenschaftsfeindlichkeit", kurz KAPAZ, eingebracht.
Seit gut drei Jahren unterstützt der Scicomm-Support Menschen und Institutionen im Wissenschaftssystem bei Anfeindungen unterschiedlicher Art. Mit welchen Erkenntnissen hätten Sie zu Projektstart nicht gerechnet?
Julia Wandt: Was mich persönlich überrascht hat, ist die Vielfalt der Fachdisziplinen, die sich bei uns melden. Wir haben natürlich mit Einrichtungen gerechnet, die zu gesellschaftlich kontroversen Themen forschen: Zum Beispiel zum Klimawandel, zu Gender und Diversity, zur Coronapandemie. Aber wir haben auch Wissenschaftler:innen aus der Philosophie, Sportwissenschaft oder sogar Mathematik. Wenn Sie mich vor Projektbeginn gefragt hätten, ob ich damit rechne, hätte ich ganz sicher nein gesagt.
Interessant ist auch, wie viele Offline-Anfeindungen es gibt, etwa Drohanrufe und -briefe, Störungen von Veranstaltungen oder Beschimpfungen im Büro. Natürlich haben wir auch Hass im Netz und auf Social Media, aber das Verhältnis zwischen Online- und Offline-Anfeindungen hat mich sehr überrascht.
Kann ermittelt werden, von wem solche Angriffe ausgehen? Und falls ja, wie unterscheiden sich Angreifer:innen?
Leider gibt es hierzu noch wenig Forschung. Auf Basis unserer Erfahrungen im Scicomm-Support sehen wir aber drei Gruppen: Zum einen gibt es Einzelpersonen, die eine bestimmte Einstellung verbindet. Das können beispielsweise Personen sein, die den Klimawandel leugnen oder sagen, es gibt nur zwei Geschlechter. Irgendjemand schickt dann einen Link zu einem bestimmten Interview oder Post in eine Telegram-Gruppe und sagt: "Kommt, lass uns da mal treffen und die Person fertigmachen". Die kennen sich zwar nicht, aber werden durch ihre gemeinsame Einstellung dann trotzdem zu einer großen Gruppe.
Es gibt einfach Einrichtungen und Institutionen, die keine Wissenschaftskommunikation möchten, wenn die dort kommunizierten Erkenntnisse aus ihrer Sicht den eigenen Interessen widersprechen.
Die zweite Gruppe betrifft Einrichtungen, Verbände oder Institutionen, die bestimmte Interessen verfolgen. Wir hatten zum Beispiel den Fall der Agrarsoziologin Janna Luisa Pieper von der Universität Göttingen. Nachdem diese dem NDR ein Interview gab, haben sich unter anderem Bauernverbände bei ihr gemeldet. Grund war – ich vereinfache jetzt –, dass sie Aussagen dazu getroffen hat, wie stark diese in Teilen in Deutschland rechts bis rechtsextrem unterwandert sind. Das ist das Ergebnis ihrer Forschung, sie kann das seriös belegen. Aber das möchten Bauernverbände natürlich nicht hören. Es gibt einfach Einrichtungen und Institutionen, die keine Wissenschaftskommunikation möchten, wenn die dort kommunizierten Erkenntnisse aus ihrer Sicht den eigenen Interessen widersprechen.
Als drittes gibt es Einzelpersonen, die vielleicht nicht immer ganz die Tragweite ihres Handelns verstehen. Möglicherweise wissen sie auch gar nicht, dass sie in dem Moment jemanden anfeinden oder das zumindest nicht in Ordnung ist. Das ist aber eine kleinere Gruppe.
Wie genau unterstützt da der Scicomm-Support?
Das Scicomm-Support Angebot betrifft drei inhaltliche Ebenen:
- Die erste betrifft die Kommunikationsunterstützung. Hier beraten wir selbst als Kommunikationsexpert:innen, ob und wie genau es sich lohnt, kommunikativ auf Anfeindungen zu reagieren.
- Dann gibt es die rechtliche Ebene. Dazu gehören strafrechtliche Fälle wie Beleidigungen oder Morddrohungen sowie zivilrechtliche Fragen wie das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild und Wort. Hierfür arbeiten wir mit einer renommierten Anwaltskanzlei zusammen.
- Als drittes unterstützen wir auf der psychologischen Ebene in Form einer Verweisberatung. Das heißt wir bieten Unterstützung von Psychotherapeut:innen an, wenn die Betroffenen das möchten.
Für die konkrete Unterstützung gibt es drei Zugänge:
- Der niedrigschwelligste Zugang sind die Informationen auf unserer Website. Hier gibt es zum Beispiel Leitfäden dafür, wie man als Institution oder Person mit Anfeindungen umgehen kann.
- Man kann uns auch für Workshops und Trainings anfragen – online und offline, im Umfang von anderthalb Stunden bis zu anderthalb Tagen. Eine Anfeindung muss auch nicht bereits stattgefunden haben. Viele Einrichtungen fragen Trainings und Workshops auch zur Prävention an.
- Daneben haben wir eine persönliche telefonische Beratung. Man kann uns jeden Tag von 7 bis 22 Uhr anrufen, auch am Wochenende oder an Feiertagen.
Ist der Scicomm-Support kostenpflichtig?
Alle Angebote sind für die Unterstützung suchenden Personen und Institutionen kostenlos. Uns ist wichtig, dass die Unterstützung nicht an finanziellen Mitteln scheitert. Wenn ich mich wehren muss – zum Beispiel gegen die Plattform X, weil dort Posts veröffentlicht sind, die meine Persönlichkeitsrechte verletzen – dann sollte es egal sein, wie viel Einkommen ich habe. Auch als zum Beispiel Doktorand:in muss ich meine Rechte dann durchsetzen können.
Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie konfrontiert sind?
Wir sind sehr schnell sehr groß geworden, in dem Sinne, dass wir sehr viele Anfragen haben. Pro Woche führen wir mittlerweile vier bis sechs Trainings oder Workshops durch. Auch die telefonische Beratung hat nicht nur quantitativ zugenommen, sondern auch in Bezug auf Art und Umfang der Fälle.
Unter www.scicomm-support.de finden Wissenschaftler:innen neben Handreichungen auch die Telefonnummer des Hilfetelefons.
Dass wir als Anlaufstelle so angenommen werden, hätte ich am Anfang nicht gedacht. Das gelingt dank der Unterstützung der Stiftungen und der Gelder aus dem Bundeshaushalt und vor allem aber aufgrund der vielen ehrenamtlichen Kolleg:innen. Wir haben nur eine Person auf einer finanzierten Stelle. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich, damit das gesamte Geld so weit wie möglich in die Unterstützung der Einrichtungen und Personen geht, insbesondere die juristische.
Persönlich bin ich hin- und hergerissen. Ich freue mich natürlich, dass wir so vielen Menschen und Einrichtungen helfen können. Auch, dass wir mittlerweile in Anhörungen und Debatten um Wissenschaftsfreiheit prominent mitreden, ist großartig. Das trifft genau unsere Expertise und das machen wir sehr gern. Im Umkehrschluss bedeutet diese starke Nachfrage aber auch, dass es einfach viele Anfeindungen gibt.
Wir haben alle Formen der Anfeindungen: von Morddrohungen bis hin zu körperlichen Angriffen.
Ab und zu sind auch die konkreten Fälle eine Herausforderung. Wir haben alle Formen von Anfeindungen: von Morddrohungen bis hin zu körperlichen Angriffen. Wenn man sich das im Detail anhört und vorstellt, dass wir hier über Vorfälle an wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland sprechen, ist das manchmal schon heftig. Auf der anderen Seite bekommen wir aber auch die Rückmeldung, wie dankbar uns die betroffenen Personen und Einrichtungen sind.
Gibt es in anderen Ländern vergleichbare Angebote?
Mit dem Scicomm-Support sind wir tatsächlich die erste Anlaufstelle weltweit, die Institutionen und Personen so konkret unterstützt. In den Niederlanden gab es zwar bereits eine ähnliche Einrichtung, diese ist aber mehr als Hilfe zur Selbsthilfe organisiert. Auch in den USA gibt es einzelne Initiativen, aber eben keine Anlaufstellen mit einem Angebot wie in Deutschland. Dadurch, dass wir international die erste Einrichtung dieser Art waren, kontaktieren uns auch andere Länder. Schweden oder Finnland zum Beispiel möchten ähnliche Anlaufstellen aufbauen und wir beraten dabei. Gerade heute hat sich auch Spanien als weiteres Land gemeldet.
Gerade weil wir nur für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig sind, ist es hilfreich, mit Personen aus anderen Ländern im Austausch zu sein. Wir freuen uns, wenn wir unsere Erfahrungen für den Aufbau solcher Anlaufstellen zur Verfügung stellen können. Das ist genau das, was wir jetzt mit der Unterstützung der VolkswagenStiftung umsetzen können: Unser internationales Netzwerk weiter ausbauen und stärken.
Welche Meilensteine im Projekt wurden bereits erreicht?
Angefangen haben wir im Juli 2023 mit der telefonischen Beratung. Es haben uns dann immer mehr Einrichtungen nach Workshops und Trainings gefragt. Diese hatten wir am Anfang gar nicht in der Planung – und auch nicht gedacht, dass in diesem Bereich ein so großer Bedarf besteht. Innerhalb von wenigen Monaten haben wir dann ein Workshop- und Trainingsangebot entwickelt. Das ist auf jeden Fall ein Meilenstein, der noch dazugekommen ist. Auch mit den Leitfäden haben wir am Anfang klein gestartet und aktualisieren diese jetzt regelmäßig.
Ein weiterer Meilenstein: unser nationales und internationales Netzwerk. Unser Gedanke war, dass dem Thema Anfeindungen in der Wissenschaft am erfolgreichsten begegnet werden kann, wenn alle, die hier unterstützen möchten, zusammenarbeiten. Deshalb haben wir schon früh mit der Netzwerkbildung angefangen, um dieses große Thema bestmöglich bearbeiten zu können.
Was ist für die Zukunft noch geplant?
Was in den vergangenen Monaten bereits stark zugenommen und auch in Zukunft noch mehr werden wird, ist die Beratung auf institutioneller Ebene. Wie können wir wissenschaftliche Einrichtungen als Ganzes beim Aufbau guter Resilienzstrukturen weiter unterstützen? Das ist ein Arbeitsschwerpunkt, der immer wichtiger wird, speziell wenn wir in Richtung der kommenden Wahlen denken.