Einsamkeit: Was Gesellschaft und Gemeinschaft dagegen tun können
#XchangeEinsamkeit ist nicht nur eine individuelle Belastung, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung. Wie können soziale Beziehungen gestärkt, Begegnungsorte geschaffen und einsame Menschen besser erreicht werden? Darüber diskutierten am 13. Oktober 2026 rund 95 Teilnehmende beim Herrenhausen Xchange "Wenn das Wir fehlt – Wie können wir Einsamkeit gemeinsam begegnen?".
(v.l.n.r.) Alina Esch, psychosoziale Beraterin, Dr. Alma-Sophia Merscher, Sozialpsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, PD Dr. Janosch Schobin vom Kompetenznetz Einsamkeit und dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt und Moderator Jan Sedelies.
Auf dem Podium im Tagungszentrum Schloss Herrenhausen sprachen Alina Esch, psychosoziale Beraterin, Dr. Alma-Sophia Merscher, Sozialpsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie PD Dr. Janosch Schobin vom Kompetenznetz Einsamkeit und dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. in Frankfurt. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Journalisten Jan Sedelies.
Einsamkeit als individuelles und gesellschaftliches Phänomen
Zum Einstieg wurde das Publikum gefragt, was gegen Einsamkeit helfen kann. Genannt wurden unter anderem Zeit mit anderen zu verbringen, neue Kontakte zu knüpfen, Hobbys nachzugehen und Orte aufzusuchen, an denen Begegnungen möglich sind. Auch konkrete Angebote wie Veranstaltungen, Single-Gruppen oder Apps kamen zur Sprache.
Janosch Schobin erläuterte, dass Einsamkeit kein eindeutig abgrenzbarer Zustand, sondern ein graduelles Erleben sei. Sie könne vorübergehend und punktuell auftreten, aber auch über längere Zeit anhalten und körperlich wie seelisch belasten. Nach der Definition des Einsamkeitsbarometers des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gelte eine Person als einsam, wenn sie sich häufiger als "manchmal" einsam fühlen. Dies beträfe ungefähr jede zehnte Person.
Alma-Sophia Merscher betonte, dass anhaltende Einsamkeit als Stressor wirken und unter anderem das Risiko für Depressionen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz erhöhen könne. Gleichzeitig falle es vielen Menschen schwer, Einsamkeit bei sich selbst wahrzunehmen und offen anzusprechen. Scham, Angst vor Zurückweisung und die Vorstellung, Einsamkeit sei ein persönliches Versagen, könnten diese Hemmschwelle erhöhen.
Anhaltende Einsamkeit kann das Risiko für Depressionen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz erhöhen.
Einsamkeit kann Menschen in jeder Lebensphase treffen. Im höheren Alter nehmen bestimmte Risikofaktoren zu, etwa eingeschränkte Mobilität, gesundheitliche Beeinträchtigungen, der Verlust des Partners oder ein kleiner werdendes soziales Netzwerk. Doch auch Jugendliche und junge Erwachsene sind häufig betroffen. Während sich die Einsamkeitswerte in vielen Altersgruppen nach dem starken Anstieg während der Corona-Pandemie wieder dem früheren Niveau angenähert haben, sind sie bei jungen Menschen teilweise weiterhin erhöht.
Kritische Lebensereignisse und Übergänge können Einsamkeit zusätzlich begünstigen. Dazu gehören etwa der Schulabschluss, der Eintritt in das Berufsleben, ein Arbeitsplatzwechsel, der Ruhestand, eine Trennung oder der Tod eines nahestehenden Menschen. Auch Diskriminierungserfahrungen, finanzielle Belastungen und das Wohnumfeld beeinflussen, wie stark Menschen sich zugehörig fühlen. Einen eindeutigen Unterschied zwischen Stadt und Land gebe es in Deutschland nicht. Entscheidend sei vielmehr, ob Menschen in ihrer Umgebung passende Beziehungen und Gelegenheiten zur Begegnung finden.
Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Die Podiumsgäste diskutierten auch die politischen und gesellschaftlichen Folgen von Einsamkeit. Erste Forschungsergebnisse weisen auf Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, Verschwörungsmentalität, einer höheren Bereitschaft, politische Gewalt zu billigen, und einer stärkeren Hinwendung zu populistischen Positionen hin. Die Befundlage sei allerdings noch nicht abschließend. Einsamkeit könne jedoch mit geringerem Vertrauen in andere Menschen und Institutionen sowie mit einem pessimistischen Blick auf die Zukunft einhergehen.
Auch politischer Rückzug sei eine mögliche Folge. Wer sich nicht als Teil eines gesellschaftlichen Kollektivs erlebt oder sich selbst als nicht wichtig und nicht wirksam empfindet, beteiligt sich möglicherweise seltener an Wahlen und anderen Formen gesellschaftlicher Teilhabe. Umso wichtiger sei es, die Qualität sozialer Beziehungen zu stärken.
Janosch Schobin hob dabei die Bedeutung von Autonomie und Gestaltungsspielräumen hervor. Beziehungen würden als befriedigender erlebt, wenn Menschen mitentscheiden könnten, mit wem und in welcher Form sie interagieren. Dies gelte auch für den Arbeitsplatz: Homeoffice könne für bereits gut vernetzte Beschäftigte eine gute Lösung sein, für neue Mitarbeitende sei es hingegen häufig schwieriger, in eine Organisation hineinzufinden. Informelle Treffen und gemeinsame Aktivitäten könnten helfen, müssten aber freiwillig und passend zu den Bedürfnissen der Beschäftigten gestaltet werden.
Niedrigschwellige Begegnungsorte schaffen
Ein Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Frage, wie Begegnungen im Alltag erleichtert werden können. Nicht jede Begegnung müsse unmittelbar zu einer Freundschaft führen. Auch wiederkehrende, lockere Kontakte in Bäckereien, Cafés, Geschäften, Friseursalons oder Nachbarschaftstreffs könnten Halt, Orientierung und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln.
Alma-Sophia Merscher verwies auf die Idee einer "Tratschkasse" im Supermarkt: An einer langsameren Kasse könnten Kund:innen "wie früher" ohne Zeitdruck mit dem Personal ins Gespräch kommen. Solche Zufallskontakte seien eine wichtige soziale Ressource, kämen im Alltag jedoch häufig zu kurz.
Auch bei der Planung neuer Stadtteile sollten laut Alina Esch Räume berücksichtigt werden, in denen Menschen dabei sein können, ohne zwingend mitmachen oder sich aktiv beteiligen zu müssen. Sitzgelegenheiten, offene Treffpunkte und Räume, in denen man allein oder in Gesellschaft verweilen kann, senken den Beteiligungsdruck und ermöglichen erste Schritte in Richtung Kontakt.
Die Teilnehmenden wiesen auf bestehende Initiativen in Hannover hin, darunter Angebote des Freiwilligenzentrums, Sprachcafés und das Social Innovation Center. Das Projekt "Jubiline", eine spezielle Sonderfahrt der ÜSTRA in Hannover, bringt ältere Menschen zusammen und steht nach dem Vorbild der Londoner "Jubilee Line" für Lebensfreude sowie Gemeinschaft. Genannt wurde außerdem "Zuhören draußen" am Weißekreuzplatz, wo Freiwillige regelmäßig Gesprächsangebote machen. Projekte wie "Brücken bauen" des Freiwilligenzentrums Hannover bringen jüngere und ältere Menschen auf niederschwellige Weise zusammen.
Zugleich wurde deutlich, dass viele Angebote nur zeitlich befristet finanziert werden. Gerade im Quartiersmanagement und im Ehrenamt brauche es jedoch Kontinuität. Alina Esch betonte, dass Angebote dort ansetzen sollten, wo Menschen sich ohnehin aufhalten, etwa in Schulen, Arztpraxen, Apotheken, Bäckereien oder Friseursalons. So könnten auch Menschen erreicht werden, die nicht von sich aus eine Beratungsstelle oder ein Begegnungsangebot aufsuchen würden.
Einsamkeit als Aufgabe des Gemeinwesens
Zum Abschluss wurde Einsamkeit als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe eingeordnet. Alina Esch unterschied zwischen struktureller, institutioneller und individueller Verantwortung. Auf struktureller Ebene brauche es eine ressortübergreifende Koordinierungsstelle, die Einsamkeit in Bereichen wie Bildung, Kultur, Sport, Gesundheit und Stadtplanung mitdenkt. In Großbritannien wurde zum Beispiel eigens das Amt "Minister of loneliness" installiert.
Alma-Sophia Merscher plädierte für vielfältige Angebote und unterschiedliche Formen der Ansprache. Bereits in Schulen könnten Begegnungsräume geschaffen, Perspektivwechsel gefördert und Kontakte zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten ermöglicht werden. Ein tolerantes und offenes Miteinander müsse frühzeitig eingeübt werden.
Janosch Schobin verwies darauf, dass viele gesellschaftliche Angebote zwar formal niedrigschwellig seien, aber dennoch vor allem von Menschen genutzt würden, die bereits gut vernetzt und aktiv seien. Einsame Menschen müssten nicht nur eingeladen werden, sondern auch das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden und einen wichtigen Beitrag leisten zu können. Teilhabe dürfe daher nicht ausschließlich als freiwillige Leistung Einzelner gedacht werden, sondern müsse durch verlässliche Strukturen und gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme unterstützt werden.
Die Veranstaltung machte deutlich: Einsamkeit ist kein individuelles Versagen und keine rein private Angelegenheit. Ihr zu begegnen, erfordert das Zusammenspiel von persönlicher Selbstfürsorge, verlässlichen Institutionen, offenen Begegnungsorten und einem solidarischen Gemeinwesen.
Den künstlerischen Abschluss bildete ein Poetry Slam des Künstlers Matti Linke mit seinem Beitrag "Kleider machen Leute".