Veranstaltungsbericht

Wie können wir uns gegen Krisen wappnen? Veranstaltungsbericht mit Tipps zur Krisenvorsorge

#Xchange

Celina Adrion und Nina Hahne

Beim Herrenhausen Xchange am 27. Mai 2026 diskutierten Expert:innen aus Forschung, Katastrophenschutz und Resilienzforschung mit den Teilnehmenden über Strategien der individuellen und gesellschaftlichen Krisenvorsorge. #IdeenFuerMorgen

Wie können wir uns als Einzelne:r auf mögliche Krisen wie beispielsweise Kriege oder Naturkatastrophen vorbereiten? In einer Welt, die zunehmend von Unsicherheiten geprägt ist, stellt sich die Frage immer häufiger. Historische und aktuelle Ereignisse zeigen, dass gute Vorbereitung für Gemeinschaften und Einzele entscheidend zu einem konstruktiven Handeln in der Krise beitragen kann. 

Doch was bedeutet das im Alltag und wie genau bleiben wir im Ernstfall handlungsfähig und agieren nicht von Angst getrieben? Welche Rolle spielen lokale Gemeinschaften und deren Aktivitäten, um die individuelle und kollektive Resilienz zu stärken? Welche Ressourcen und Fähigkeiten sind unerlässlich, um in Krisensituationen reaktionsfähig zu bleiben? Und wie können wir dabei sicherstellen, dass die Sorgen um morgen unsere heutigen Hoffnungen nicht erdrücken?

vier Personen sitzen vor einer Gruppe von Zuhörenden, im Hintergrund Bildschirme

Das Podium (v.l.):  Dr. Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, Tobias Großheide, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW) in Hannover/Langenhagen, Prof. Dr. Henning Goersch, Leiter der Forschungsgruppe Gefahrenabwehr an der FOM Hochschule, Jan Sedelies, Moderation

Über diese Fragen diskutierten beim Herrenhausen Xchange Prof. Dr. Henning Goersch, Leiter der Forschungsgruppe Gefahrenabwehr an der FOM Hochschule, Tobias Großheide, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW) in Hannover/Langenhagen, Dr. Isabella Helmreich vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz sowie rund 95 engagierte Teilnehmer:innen, moderiert von Jan Sedelies. Dabei ging es sowohl um konkrete praktische Maßnahmen als auch um psychologische und gesellschaftliche Faktoren, die darüber entscheiden, wie gut Menschen und Gemeinschaften mit Krisen umgehen können.

Gegenseitige Unterstützung in Krisensituationen

Zu Beginn der Veranstaltung wurde das Publikum nach seinen eigenen Vorstellungen von Krisenvorsorge gefragt. Dabei wurde insbesondere die Bedeutung sozialer Netze deutlich: Die große Mehrheit der Teilnehmenden hielt den Aufbau von Gemeinschaften und die gegenseitige Unterstützung für den wichtigsten Faktor, um in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben. Neben dem Austausch über Fähigkeiten und Ressourcen im Freundes- oder Nachbarschaftskreis wurden auch klassische Vorsorgemaßnahmen wie das Anlegen von Vorräten oder alternative Energiequellen genannt.

Krisenvorsorge: Tipps und Takeaways

graphic recording "Auf alles vorbereitet" mit vielen kleinen Illustrationen zum Thema Krisenvorbereitung
Illustration mit Text Was ist eine Krise!
Illustration mit Tipps zur Krisenvorbereitung
Illustration mit zwei Figuren die sich ein Herz reichen, darüber Text Gegenseitig helfen können
Illustration zu Umgang mit Krisen mit Figuren die für Gemeinschaft stehen
Illustration zu Resilienz mit einer Hand, die einen Schwamm drückt, der den bounce back Effekt illustrieren soll
Illustration zum Thema Selbstwirksamkeit mit Person, die fragt, was sie machen kann
Illustration mit Batterie zum Thema Autarkie durch Stromspeicher
Illustration zum Thema Wasserfilter, um Versorgungsausfall zu überbrücken
Illustration mit drei Personen und Text Wir wollen ehrenamtlich helfen
Illustration zu Medikamentenvorrat anlegen
Illustration zu Psychoeducation als Schulfach
Illustration zu Risikokultur etablieren

Krisen aus der Perspektiven der Expert:innen

Henning Goersch erläuterte zunächst, wie Krisen aus wissenschaftlicher Sicht definiert werden. Im Gegensatz zum Schadensereignis, das bereits eingetretene Schäden beschreibt, ist der Ausgang einer Krise ungewiss. Kritische Infrastrukturen seien heute zahlreichen Risiken ausgesetzt – etwa durch Cyberangriffe, Extremwetter oder geopolitische Konflikte. Besonders entscheidend sei dabei die Sicherstellung grundlegender Versorgungsleistungen wie Trinkwasser und Nahrung.

Tobias Großheide berichtete aus der praktischen Perspektive des THW. Seine Organisation werde immer dann eingesetzt, wenn spezialisierte technische Fähigkeiten benötigt werden, etwa bei Gebäudeschäden oder Naturkatastrophen. Seit der Corona-Pandemie verzeichne das THW deutlich mehr Einsatzstunden, unter anderem aufgrund zunehmender Extremwetterereignisse. Gleichzeitig beobachte das THW ein wachsendes Interesse an ehrenamtlichem Engagement: Jede Woche meldeten sich neue Freiwillige, die sich im Bevölkerungsschutz engagieren möchten.

Ist heute mehr Krise? Die Rolle von subjektiver Wahrnehmung und Medien

Ein wichtiger Diskussionspunkt war die Frage, ob die Welt tatsächlich krisenanfälliger geworden ist oder ob Krisen heute vor allem stärker wahrgenommen werden. Isabella Helmreich betonte, dass die permanente Präsenz von Krisenbildern in sozialen Medien zu einem Gefühl des Dauerkrisenmodus beitragen könne. Diese ständige Informationsflut könne körperliche und psychisch Stressreaktionen auslösen. Gleichzeitig sei es wichtig, sich nicht vollständig von Informationen abzuschotten. Entscheidend sei ein bewusster Umgang mit Medien sowie die Stärkung der eigenen Selbstwirksamkeit. Menschen sollten sich fragen, welchen Beitrag sie selbst leisten können – etwa durch Vorbereitung, Engagement oder gegenseitige Unterstützung.

Wie gelingt individuelle Krisenvorsorge im Alltag?

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf praktischen Vorsorgemaßnahmen. Goersch verwies auf Empfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, nach denen Haushalte in der Lage sein sollten, sich im Notfall mindestens drei Tage, idealerweise jedoch zehn Tage selbst zu versorgen. Im Mittelpunkt sehe zunächst die Sicherung der lebensnotwendigen Grundlagen. Trinkwasser habe oberste Priorität und könne beispielsweise in dunklen Glasflaschen über längere Zeit gelagert werden. Auch haltbare Lebensmittel wie Konserven oder Trockenprodukte seien sinnvoll. Darüber hinaus sei es wichtig, Zugang zu Informationen zu behalten – etwa über ein batteriebetriebenes oder kurbelbetriebenes Radio, das auch bei Stromausfällen funktioniert.

Helmreich ergänzte, dass Vorsorge nicht nur materielle Aspekte umfasst. Ebenso wichtig sei die eigene Haltung gegenüber Krisen. Eine realistische, aber optimistische Grundhaltung könne helfen, mit Unsicherheiten besser umzugehen. Vorbereitung könne dabei auch psychologisch entlastend wirken, weil sie das Gefühl stärkt, selbst handlungsfähig zu sein.

Gemeinschaft als Schlüssel zur Krisenresilienz

Ein zentrales Thema des Abends, das auch vom Publikum mehrfach eingebracht wurde, war die Bedeutung sozialer Netzwerke und Gemeinschaften. Forschungsergebnisse zeigen laut Helmreich, dass Menschen Krisen besser bewältigen, wenn sie über stabile soziale Beziehungen verfügen. Nachbarschaften, Freundeskreise und lokale Initiativen können wichtige Unterstützungsstrukturen sein.

Auch aus Sicht des Katastrophenschutzes spielt die Bevölkerung selbst eine entscheidende Rolle. Goersch betonte, dass es in jeder Krise eine Phase gebe, in der Menschen zunächst auf sich selbst und ihre unmittelbare Umgebung angewiesen seien. Diese Zeitspanne könne nur durch Selbstschutz und gegenseitige Hilfe überbrückt werden. Großheide verwies zudem auf die Bedeutung ehrenamtlicher Strukturen: Ein Großteil der Hilfeleistungssysteme in Deutschland werde von Freiwilligen getragen. Gleichzeitig brauche es Vertrauen darin, dass staatliche Strukturen funktionieren, auch wenn sie nicht immer sofort greifen.

Krisenvorsorge in Deutschland im internationalen Vergleich

Im internationalen Vergleich, so Goersch, hole Deutschland derzeit in vielen Bereichen der Krisenvorsorge auf. Länder wie Finnland oder Schweden hätten jedoch bereits seit längerem eine stärker ausgeprägte Risikokultur. Dort werde offener darüber gesprochen, welche Aufgaben der Staat übernehmen kann und wo Bürger:innen selbst Verantwortung tragen müssen.

Eine offene Risikokommunikation könne helfen, Ängste abzubauen und die gesellschaftliche Vorbereitung zu verbessern. Ziel müsse es sein, langfristig eine stabile Krisenkultur zu entwickeln.

Was kann jede:r Einzelne für die Krisenvorsorge tun?

Zum Abschluss der Veranstaltung formulierten die Expert:innen konkrete Empfehlungen. Neben dem Anlegen grundlegender Vorräte und dem Informieren über Angebote des Bundesamts für Bevölkerungsschutz wurde besonders der Aufbau sozialer Kontakte betont. Ein einfaches Nachbarschaftstreffen könne bereits ein erster Schritt sein, um sich kennenzulernen und im Ernstfall gegenseitig unterstützen zu können.

Helmreich hob hervor, dass Krisen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen für gesellschaftliches Lernen bieten. Neben dem "Bounce back", also der Rückkehr zum ursprünglichen Zustand, könne auch ein "Bounce forward" gelingen: Gesellschaften entwickeln sich weiter, ziehen Lehren aus Krisen und stärken ihre Fähigkeit, zukünftige Herausforderungen zu bewältigen.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass Krisenvorsorge nicht allein eine Aufgabe staatlicher Institutionen ist. Resilienz entsteht vielmehr im Zusammenspiel von individueller Vorbereitung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und funktionierenden öffentlichen Strukturen.

Das Podium

Jan Sedelies

Moderator

Das Foto zeigt den Moderator Jan Sedelies.

Prof. Dr. Henning Goersch

Leitung Forschungsgruppe Gefahrenabwehr, FOM Hochschule

Das Bild zeigt einen lächelnden Mann in einem Park stehen.

Tobias Großheide

Ortsbeauftragter, Ortsverband Hannover/Langenhagen, Bundesanstalt Technisches Hilfswerk

Portraitfoto von Tobias Großheide

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