Mehrere Personen sitzen zusammen, eine Frau erzählt etwas, ein Mann tippt dabei an einem Laptop. Im Hintergrund sind Bananenpflanzen und ein Dschungel-Wald zu sehen.
Story

Aus dem Regenwald für die Psyche

#Grundlagenforschung

Autor: Caroline Ring

Fabien Schultz sucht nach natürlichen Materialien, mit denen sich psychische Erkrankungen behandeln lassen. Dafür kooperiert er mit indigenen Gemeinschaften in Uganda und Tansania – und mit Affen.

Da war diese Magierin, die spirituelle Heilerin des Dorfes. Sie war ernst und sprach kein Wort, starrte Fabien Schultz nur unverwandt an, hinter ihr der versammelte Ortsvorstand. Langsam ging sie um den Forscher herum, der bei allem Optimismus nun doch nervös wurde. Ein Ausländer, ein weißer Mann, der in diesem ugandischen Dorf das traditionelle Wissen der Menschen dokumentieren wollte. Schultz war sich völlig im Klaren darüber, dass die Frau allen Grund hatte, skeptisch zu sein. Dutzende Male war er bis dato mit indigenen Gemeinschaften in Kontakt getreten, hatte sich von ihnen Heilpflanzen zeigen und erklären lassen. Nur war sein Anliegen nie so speziell wie dieses Mal. Er fragte nach Mitteln, die glücklich machen, Halluzinationen verursachen oder Angst nehmen. Mittel, die das Bewusstsein verändern können. Das Wissen, das er von ihr erfragte, konnte für sie illegal sein – das wussten sie beide. Schultz musste glaubhaft vermitteln, dass er seine Informant:innen schützt, er musste ihr Vertrauen gewinnen. Und wenn er diese Prüfung nicht bestehen würde, von der er nicht einmal wusste, woraus sie bestand, dann wäre ein großer Teil seines neuen Forschungsprojekts gelaufen, noch bevor es überhaupt gestartet wäre.

Die Frau musterte ihn eindringlich. Doch schließlich drehte sie sich zu der versammelten Menge um und sprach die erlösenden Worte. Man könne ihm vertrauen, erklärte sie: Sie sehe es in seinen Augen.

"Und ich dachte nur: Puh!", sagt Schultz, und lässt die angespannten Schultern fallen, als hätte er das stumme Verhör gerade noch einmal hinter sich gebracht. Diesmal sitzt er in seinem Büro am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Vor dem Fenster schippern schwere Frachter über die Elbe, während die Frühlingssonne letzte Schneeplacken dahinschmilzt.

Neue Heilpflanzen für die Forschung

Schultz ist Ethnopharmakologe. Er arbeitet mit Pflanzen und anderen Naturmaterialien, die indigene Gemeinschaften Afrikas traditionell zu medizinischen Zwecken anwenden. Nur wenige dieser Materialien sind je mit modernen Forschungsmethoden untersucht worden.

In seinem aktuellen Projekt "SpiriPharm", das die VolkswagenStiftung in ihrer Initiative "Pioniervorhaben – Exploration des unbekannten Unbekannten" fördert, konzentriert er sich auf neuroaktive Materialien, die in Ritualen, aber auch zur Behandlung von psychischen Erkrankungen genutzt werden.

Eine Hand hält ein Pflanzenteil, vermutlich einen Samen oder eine Blüte.

Einheimische weisen Schultz auf Pflanzen mit heilender Wirkung hin.

Vieles davon ist bis heute undokumentiert, doch das Wissen schwindet rapide: Es sind hauptsächlich ältere Menschen, die darüber verfügen. Darüber hinaus will Schultz mit seiner Grundlagenforschung auch eine potenzielle Basis für neue Medikamente zur Behandlung psychischer Erkrankungen schaffen.

Wir sind Detektive in der Apotheke des Waldes.

Dr. Fabien Schultz

Schultz und sein Team befragen dazu Menschen in Uganda und Tansania, sie sammeln hier Pflanzen, Insekten und Pilze ein. Das Material bringen sie in Labore am Hamburger Tropeninstitut und an der Hochschule Neubrandenburg, die Schultz für seine Analysen nutzt. Hier macht sein Team eine erste chemische Erfassung der Heilmittel und untersucht potenzielle pharmakologische Wirkungen der Materialien. So erhalten sie Hinweise auf medizinisch wirksame Inhaltsstoffe. "Wir sind Detektive in der Apotheke des Waldes. Wir folgen Hinweisen auf potenzielle Heilmittel", sagt Schultz.

Doch seine Ergebnisse stützen sich nicht nur auf menschliches Wissen und Laboranalysen. Schultz beschäftigt sich zudem mit Zoopharmakognosie: Er beobachtet, welche natürlichen Heilmittel Tiere nutzen, um sich selbst zu behandeln. Dabei entdeckte er erstaunliche Verhaltensweisen. Schimpansen etwa, die Rinden bestimmter Bäume nur dann fressen, wenn Parasiten oder Entzündungen sie plagen. Oder Elefanten, die gezielt spezielle Kräuter suchen, wenn sie an Verletzungen oder Durchfall leiden. "Oft sind wir die ersten, die so ein Verhalten überhaupt dokumentieren", sagt er.

Erstmals beobachtet wurde die Selbstmedikation von Schimpansen bereits in den 1960-er Jahren durch Jane Goodall. Die weltberühmte Primatenforscherin war bis zu ihrem Tod eine Mentorin und Kooperationspartnerin von Schultz. Im Gombe-Stream-Nationalpark, der auf Goodalls Arbeiten zurückgeht, erforscht auch er heute für seine Untersuchungen im SpiriPharm-Projekt wildlebende Schimpansen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Schon als Kind habe er später einmal Tiere und die Natur erforschen wollen, erzählt Schultz. Dass es dann tatsächlich so kam, ist für ihn eine glückliche Fügung. So wie er generell die erstaunliche Entwicklung seiner wissenschaftlichen Karriere als Verkettung günstiger Umstände beschreibt.

Biologie, das hat ihn zu Schulzeiten am meisten interessiert. Und Sport. Doch Studiengebühren, die Anfang der 2000er-Jahre an vielen Hochschulen erhoben wurden, verkleinerten für ihn, der als erster und einziger in seiner Familie studierte, die Hochschuloptionen.

Fabien Schultz und Jane Goodall stehen Arm in Arm in einem Raum.

Fabien Schultz und die weltberühmte Primatenforscherin Jane Goodall.

Er entschied sich für Bioprodukt- und Lebensmitteltechnologie in Neubrandenburg: Eine relativ kleine Fachhochschule ohne Studiengebühren, dafür mit umso mehr Möglichkeiten. Die vorhandenen Labore waren modern und standen ihm zur freien Verfügung, er nutzt sie zum Teil bis heute für seine Projekte. Sein Arbeitsgruppenleiter und Doktorvater unterstützte von Anfang an seine innovativen Forschungsideen und ließ ihn gewähren. International führende Forschende der Ethnopharmakologie lernte Schultz auf Konferenzen kennen, viele wurden Mentor:innen. "Ich habe einfach immer zur richtigen Zeit die richtigen Leute kennengelernt", sagt Schultz heute.

Schicksalhafte Begegnung in der Mensa

Der wichtigste Moment war damals vielleicht jener Tag in der Mensa, der seine Kompassnadel Richtung Afrika bewegen sollte. Schultz wollte für den Master ins englischsprachige Ausland, doch erneut fehlte ihm das nötige Geld für Studiengebühren in den USA, Großbritannien oder Australien. Zufällig traf er an diesem Tag eine Delegation der Kampala University aus Uganda, die die Hochschule besuchte und sich in der Schlange zur Essenausgabe hinter ihm einreihte. Sie kamen ins Gespräch, woraufhin ihn der Leiter jener Delegation in sein Land einlud. Und Schultz kam. Mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau reiste er nach Kampala, lernte das Land und die Leute kennen und knüpfte Kontakte, die bis heute bestehen.

Aus seinen Fähigkeiten in der Bioprodukt- und Lebensmitteltechnologie, seinem Interesse für die Natur und seiner persönlichen Art, offen und unverfälscht auf Fremde zuzugehen, verband sich schließlich sein Forschungsfeld. Heute ist Schultz Leiter einer eigenen Nachwuchsforschungsgruppe, für seine Forschung wurde er mehrfach international ausgezeichnet. In einer Datenbank haben er und sein Team bisher insgesamt rund 600 Extrakte von mehr als 150 traditionell medizinisch genutzten Pflanzen-, Insekten- und Pilzarten aus aller Welt zusammengetragen. Ihre Einsatzgebiete reichen von kleinen Wunden über Entzündungen und Schmerzen bis hin zur Behandlung von Parasitenbefall und anderen Infektionskrankheiten. Nun sollen Heilmittel hinzukommen, die psychische Erkrankungen betreffen.

Zwei Frauen sitzen an einer sterilen Bench und gehen Labortätigkeiten nach.

Zwei Wissenschaftlerinnen untersuchen im Auftrag von Fabien Schultz die Pflanzenproben auf mögliche medizinische Wirkstoffe.

Tabuisiertes Wissen

SpiriPharm knüpft an Schultz' frühere Forschung an – und stellt ihn dennoch vor ganz neue Herausforderungen. "Zum einen lassen sich psychische Zustände viel schwerer validieren als andere körperliche Probleme", sagt er. Vor allem jedoch ist sein Anliegen in indigenen Gesellschaften des tropischen Afrikas höchst heikel. Denn wie man eine psychisch erkrankte Person heilt, wie man Vergesslichkeit oder Niedergeschlagenheit kuriert: All das fällt hier oftmals in die Kategorie "guter oder böser Zauber". Schultz ist auf Personen angewiesen, die spirituell oder in der traditionellen Heilkunst geschult sind. Oft gelten sie als Hexen, Schamanen, als Magier oder Magierin – so wie jene Frau, die ihn mit ihrem Blick durchdrang. Und über ihr Wissen sprechen diese Personen bis heute in der Regel nur im Geheimen.

Schuld daran sind die einstigen Kolonialmächte. Als die ihre Missionare ausschickten, verteufelten diese sprichwörtlich alles, was nicht mit dem christlichen Glauben konform ging. In Uganda, das von 1896 bis 1962 britisches Protektorat war, hat die Kolonialregierung 1957 den "Witchcraft Suppression Act" erlassen, der jegliche spirituelle Handlungen unter hohe Strafen stellte – egal, ob es sich dabei um esoterische Rituale oder den Einsatz von Heilpflanzen mit bewusstseinsverändernder Wirkung handelte.

Bis heute ist das Gesetz in Kraft. Für Menschen vor Ort drängt er das Wissen der Hexen und Heiler nach wie vor ins Halbdunkel. Für Forschende wie Fabien Schultz erschwert er Kommunikation und Wissenstransfer. "Vieles passiert da nach wie vor in den Hinterstübchen", sagt Schultz. "Wenn die Leute darüber offen reden würden, machen sie sich strafbar." Kein Wunder also, dass ihm die Menschen vor Ort mit Skepsis begegnen. Dennoch waren er und sein Team erfolgreich: Bisher konnten sie mehr als 100 Menschen vor Ort befragen und dadurch rund 200 potenziell neuroaktive Pflanzen zusammentragen, die in Ritualen oder zur Behandlung psychischer Zustände genutzt werden. Sogar einige Pilze und drei Insektenarten konnten sie dokumentieren. "Bei allen Schwierigkeiten haben wir mit dieser großen Menge nicht gerechnet", sagt Schultz zufrieden.

Zwei einheimische Männer berichten Fabien Schultz, der ihre Worte am Laptop protokolliert.

Fabien Schultz erfasst schriftlich, was innerhalb der einheimischen Bevölkerung über Generationen nur mündlich weitergegeben wurde.

Jetzt gilt es, die Materialien auch pharmakologisch zu untersuchen und damit ihre Wirksamkeit wissenschaftlich zu untermauern. Dann wird Schultz mit seinem Team an die Studienorte zurückkehren und die neu gewonnenen Erkenntnisse durch Workshops in den Gemeinden verbreiten. Und nicht nur das: In jedem seiner Projekte erfragt Schultz vorab, welches Wissen oder welche Maßnahme den Menschen vor Ort nachhaltig helfen würde. Dann initiiert er Programme, um genau diese Bedarfe zu erfüllen – sodass ein gegenseitiger Vorteilsausgleich entsteht, wie er durch Nagoya-Protokoll vorgesehen ist. Dieses internationale Abkommen soll unter anderem sicherstellen, dass auch indigene Gemeinschaften an Forschungsergebnissen beteiligt werden. Für Schultz ist seine Befolgung eine Selbstverständlichkeit: "Wissenstransfer", sagt er, "ist für mich keine Einbahnstraße."

Illustration mit zwei Personen neben einem Teleskop, die in den Himmel schauen und zeigen

Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten

Die Stiftung unterstützt bahnbrechende und riskante Forschungsideen mit hoher wissenschaftlicher Relevanz aus dem Bereich der Grundlagenforschung. Online-Sprechstunden: 11. Juni und 16. Juli, Stichtag für Skizzen: 27. August 2026

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