Interview

Wissenschaftskommunikation: "Wenn ich Menschen ein Stück in Richtung Forschung bewegen kann, ist das für mich schon ein Erfolg"

#Wissenschaftskommunikation

Autorin: Elena Grunow

Eine Linie zeichnet einen PC, zwei Sprechblasen und einen Lautsprecher

Der Sprachwissenschaftler Aleksej Tikhonov erforscht unter anderem Mehrsprachigkeit im Deutschrap. Über soziale Medien, Vorträge für Schüler:innen und das Kulturjournal "osTraum" macht er seine Forschung sichtbar. Ein Interview über Popkultur als Forschungsgegenstand und die strukturellen Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation.
 

Welche Formen und Formate der Wissenschaftskommunikation nutzen Sie aktuell am häufigsten?

Aleksej Tikhonov: Seit ein bis zwei Jahren kommuniziere ich vor allem über LinkedIn und Instagram, aber auch bei ganz unterschiedlichen Veranstaltungen vor Ort. Letztere reichen vom Vortrag beim Verein der Russischlehrer:innen in der Schweiz bis zum Studienorientierungstag an der Universität. Auch solche Veranstaltungen gehören für mich zur Wissenschaftskommunikation. Dort kommen Personen aus der Universität mit Externen ins Gespräch und zeigen: "Hey, kommt zu uns an die Uni! Wir bieten hier diese und jene Fächer und Forschungsbereiche an."
 

Aleksej Tikhonov

Zur Person: Aleksej Tikhonov

Auf Ihrer Webseite beschreiben Sie Wissenschaftskommunikation nicht als Zusatz zur Forschung, sondern als elementaren Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit. Warum ist sie für Sie so wichtig?

Aleksej Tikhonov: Gerade in bestimmten Disziplinen, wie den Geistes- oder Sozialwissenschaften, kommt schnell die Frage auf: Wofür brauchen wir diese Forschung überhaupt? Oft ist vielen gar nicht bekannt, welche Disziplinen es gibt und womit sie sich beschäftigen. Das gilt beispielsweise für die Slawistik und andere Philologien. Germanistik kennen die meisten, vielleicht auch noch Anglistik oder Amerikanistik. Welche weiteren Philologien man studieren kann und was sie erforschen, ist dagegen weniger bekannt. Wissenschaftskommunikation schafft Sichtbarkeit für diese Fächer und zeigt, was sie ausmachen.

Kontinuierliche Wissenschaftskommunikation braucht stabile Arbeitsbedingungen, Ressourcen und Zeit.

Aleksej Tikhonov, Universität Zürich

Daran schließt für mich der Kern der Wissenschaftskommunikation an: Die eigene Forschung muss so reduziert und aufbereitet werden, dass sie verständlich wird und als relevant und interessant wahrgenommen werden kann. Damit tun sich viele schwer. Aber man muss auch mal über seinen Schatten springen und die Themen wirklich auf ein bis zwei Sätze herunterbrechen. Das muss man lernen, denn es kommt nicht von allein. Deshalb sollte Wissenschaftskommunikation in allen Disziplinen als fester Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit verstanden werden. Idealerweise brächte nicht nur jede Universität Beauftragte für dieses Gebiet, sondern jedes Institut eine Person, die für Wissenschaftskommunikation mitverantwortlich ist.

Sie forschen auch zu Rap und Mehrsprachlichkeit – Themen, zu denen viele Menschen bereits einen persönlichen Bezug haben. Erleichtert das die Wissenschaftskommunikation?

Aleksej Tikhonov: Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Als ich Ende der 2010er Jahre angefangen habe, zu Mehrsprachigkeit im Deutschrap zu forschen, war das eine Art Alleinstellungsmerkmal, weil sich kaum Forschende mit diesen Themen auseinandergesetzt haben. Das weckt zwar Interesse, zugleich muss man aber auch erklären, warum ein popkulturelles Thema wissenschaftlich erforscht werden sollte. Man kann es nicht allen recht machen. Es wird immer Menschen geben, die die Wahl des Forschungsthemas nicht verstehen. Gleichzeitig wenden sich Lehrer:innen an mich, die meine Forschung in den Unterricht einbringen möchten. Deren Schüler:innen sind dann oft erstaunt, dass man solche Themen überhaupt erforschen kann.

Wie kam es, dass Sie zu diesen Themen geforscht haben?

Aleksej Tikhonov: Schüler:innen haben mich ursprünglich auf die Idee gebracht, das Thema überhaupt zu erforschen. Ich bin selbst kein Rap-Fan, habe aber während meiner Arbeit als Lehrer an einem Berliner Gymnasium beobachtet, wie Schüler:innen slawische Wörter verwendeten, obwohl sie zuvor keinen Bezug zu diesen Sprachen hatten. Als ich sie fragte, woher sie diese Wörter kannten, meinten sie: "Von Capi!" Gemeint war Capital Bra. Daraufhin habe ich begonnen zu Capital Bra, Olexesh, Schwester Ewa und weiteren Rapper:innen zu recherchieren. Mittlerweise habe ich fast 150 Rapper:innen mit slawischer Herkunftssprache gefunden, die diese Sprachen in ihre Lieder einbetten. Schüler:innen hören die Songs und übernehmen daraus Wörter und sprachliche Strukturen.

Diese Forschungsthemen stehen im deutlichen Gegensatz zu meiner Doktorarbeit über die linguistische Identifikation von Autor:innen in tschechischen Handschriften aus Preußen, Berlin und Umgebung im 18. Jahrhundert. Deutschrap und Mehrsprachigkeit wirken im Vergleich dazu zunächst wie ganz andere Forschungsthemen – auch deshalb wird ihre wissenschaftliche Relevanz manchmal infrage gestellt.

Idealerweise brächte nicht nur jede Universität Beauftragte für dieses Gebiet, sondern jedes Institut eine Person, die für Wissenschaftskommunikation mitverantwortlich ist.

Aleksej Tikhonov, Universität Zürich

Wie passen Sie Ihre Kommunikation sprachlich und inhaltlich an unterschiedliche Zielgruppen an?

Aleksej Tikhonov: Ich versuche, meine Kommunikation an die jeweilige Plattform anzupassen. Als ich noch auf Twitter aktiv war, habe ich dort sehr unterschiedliche Menschen erreicht – von Schüler:innen bis zu Fachkolleg:innen. Durch die dort begrenzte Zeichenzahl mussten die Inhalte sehr knapp vermittelt werden. Nach der Umbenennung und des Eigentümerwechsels habe ich mich aber entschieden, über diesen Kanal keine Wissenschaftskommunikation mehr zu betreiben.

Auf LinkedIn erreiche ich vor allem ein Fachpublikum, weil die meisten dort beruflich unterwegs sind. Deshalb kann ich dort stärker auf wissenschaftliche Zusammenhänge eingehen. Auf Instagram erreiche ich neben dem Fachpublikum auch jüngere Menschen und Personen aus anderen Generationen, die dadurch auf meine Forschungsthemen aufmerksam werden. Entsprechend bereite ich die Inhalte dort einfacher und anschaulicher auf und arbeite stärker mit Videos. Das ist zwar zeitaufwendiger, ermöglicht aber einen anderen Zugang zu meiner Forschung.

Neben Ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind Sie Mitgründer und Autor des Kulturjournals "osTraum". Was haben Sie durch "osTraum" über Kommunikation gelernt?

Aleksej Tikhonov: Das Kulturjournal "osTraum" habe ich 2016 mit meiner Partnerin Maria Gerasimova gegründet. Unser Ziel war es über Kulturthemen aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa zu berichtet, die unserer Meinung nach im deutschsprachigen medialen Raum zu wenig vorkamen. Häufig standen diese Gebiete nur dann im Fokus, wenn Künstler:innen verfolgt wurden oder ins Exil gehen mussten. Wir wollten dagegen sichtbar machen, wie reich die Kultur und Literatur dieser Länder ist.

Gleichzeitig konnte ich mit den Beiträgen niederschwellig ausprobieren, welche Forschungsideen bei der Leser:innenschaft auf Interesse stoßen. Aus den Rückmeldungen erhielt ich Impulse, die ich auch in meiner Forschung berücksichtigen konnte. "osTraum" wurde für mich so zu einer Art Testfeld: Aus ersten Blogbeiträgen entwickelten sich später Fachpublikationen und Vorträge.

Für mich ist Wissenschaftskommunikation erfolgreich, wenn Menschen auf einen Beitrag reagieren, Fragen stellen oder ihn teilen.

Aleksej Tikhonov, Universität Zürich

Was sind für Sie die aktuell größten Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation?

Aleksej Tikhonov: Ich sehe zwei Schwierigkeiten. Die erste Herausforderung besteht darin, überhaupt anzufangen. Viele Forschende haben das Gefühl, keine Zeit für Wissenschaftskommunikation zu haben. Das war bei mir lange genauso. Den Anstoß gaben mir unter anderem das damalige Programm "Freies Wissen" von Wikimedia und ein NaWiK-Workshop bei der VolkswagenStiftung. Ich hatte nie den Plan, innerhalb einer bestimmten Zeit eine bestimmte Follower:innenanzahl zu erreichen oder mindestens einmal pro Woche etwas zu veröffentlichen. Ich habe mir einfach gesagt: Ich versuche es und schaue, wie es sich entwickelt.

Wichtig ist zunächst, sich zu motivieren und die richtige Plattform zu finden. Manche Kolleg:innen befürchten bei Instagram oder Twitter Trollen und Hasskommentaren zu begegnen. Ihnen habe ich geraten, erstmal auf LinkedIn anzufangen, weil es dort eher einen geschützteren Raum für Forschende gibt. Wenn das gut funktioniert, kann man sich auch an andere Plattformen herantasten.

Die zweite Herausforderung ist ein systemisches Problem, das sich nicht kurzfristig lösen lässt – die befristeten Verträge. Ich würde gerne noch mehr Wissenschaftskommunikation machen, Videos produzieren und Beiträge schreiben. Wenn man aber einen Dreijahresvertrag hat und bestimmte Ziele erfüllen muss, kann Wissenschaftskommunikation nicht an erster Stelle stehen. Kontinuierliche Wissenschaftskommunikation braucht stabile Arbeitsbedingungen, Ressourcen und Zeit – und die Sicherheit, keine Angst vor morgen haben zu müssen. Sind diese grundlegenden Fragen geklärt, kann man mehr Kraft in die Wissenschaftskommunikation investieren und noch mehr und besser kommunizieren.

Woran merken Sie, dass Ihre Wissenschaftskommunikation erfolgreich war?

Aleksej Tikhonov: Für mich ist Wissenschaftskommunikation erfolgreich, wenn Menschen auf einen Beitrag reagieren, Fragen stellen oder ihn teilen. Daran merke ich, dass das Thema bei ihnen angekommen ist und etwas ausgelöst hat. Dabei ist für mich nicht entscheidend, ob die Reaktion positiv oder negativ ausfällt. Auch eine kritische Reaktion zeigt, dass sich jemand mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich muss dabei nicht jede Person von meiner Sichtweise überzeugen. Aber wenn ich die Menschen zumindest ein Stück in Richtung der Forschung bewegen kann, ist das für mich bereits ein Erfolg.
 

Dieser Beitrag wurde zuerst am 2.10.26 auf wissenschaftskommunikation.de veröffentlicht: "Wenn ich Menschen ein Stück in Richtung Forschung bewegen kann, ist das für mich schon ein Erfolg"

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