Interview

Mehr Perspektiven für riskante Forschung: Neuer Call für "Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten"

Illu mit zwei Personen, im Hintergrund ein Mikrofon

Mit diesem Programm fördert die Stiftung radikale, unkonventionelle Forschungsideen abseits des Mainstreams. In 2026 kommt erstmals das Distributed Peer Review Verfahren (DPR) zum Einsatz. Pavel Dutow und Theresa Kratzsch erläutern das Verfahren und geben Tipps rund um die Antragstellung. Stichtag: 27. August, Online-Sprechstunden: 11. Juni und 16. Juli

An wen richtet sich das Förderangebot "Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten"?

Pavel Dutow: Wir suchen kreative Wissenschaftler:innen, die den Mut haben, innovative und risikoreiche Forschungsideen jenseits des Mainstreams zu verfolgen. Bewerben können sich promovierte Wissenschaftler:innen von deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen, unabhängig von ihrer Disziplin. Internationale Kooperationen sind möglich.

Illustration mit zwei Personen neben einem Teleskop, die in den Himmel schauen und zeigen

Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten

Die Stiftung unterstützt bahnbrechende und riskante Forschungsideen mit hoher wissenschaftlicher Relevanz aus dem Bereich der Grundlagenforschung. Online-Sprechstunden: 11. Juni und 16. Juli, Stichtag für Skizzen: 27. August 2026

Zum Förderangebot

Welches Ziel verfolgt die Stiftung mit so einem themenoffenen Förderprogramm?

Theresa Kratzsch: Themenoffene Förderung schafft Freiräume, in denen wirklich Neues entstehen kann. Wenn Forschung nicht von vornherein durch Trends, kurzfristige Verwertungserwartungen oder enge thematische Vorgaben begrenzt wird, können Wissenschaftler:innen radikale und unkonventionelle Ideen verfolgen, die das Potenzial haben, ganze Forschungsfelder zu verändern.

Pavel Dutow: Gerade diese frühen, risikoreichen Schritte sind häufig entscheidend für spätere Durchbrüche, werden im klassischen Förderalltag aber zu selten ermöglicht. Mit den Pioniervorhaben wollen wir deshalb bewusst die Tür öffnen für neugiergetriebene und mutige Exploration des "unbekannten Unbekannten".

Auswahl der Skizzen per Distributed Peer Review (DPR)

Nach der letzten Ausschreibungsrunde haben Sie das Programm überarbeitet. Was hat sich geändert?

Theresa Kratzsch: Der bestehende zweistufige Auswahlprozess mit Skizze und Vollantrag hat sich bewährt, um pionierhafte Ideen auszuwählen und bleibt. Neu ist, dass die Auswahl der Skizzen, die zum Vollantrag eingeladen werden, also die erste Stufe der Auswahl, künftig über den sogenannten Distributed Peer Review (DPR) erfolgt.

Beim DPR begutachten Antragstellende die anonymisierten Skizzen anderer Antragstellender. Mit diesem Verfahren haben wir bereits in einem anderen Förderprogramm gute Erfahrungen gemacht. Wir gehen davon aus, dass DPR auch hier besonders geeignet ist, um pionierhafte Ideen zu identifizieren. In der ersten Stufe des Auswahlverfahrens steht ja die Idee selbst im Vordergrund, nicht die Person, die sie eingereicht hat. DPR hat aber noch weitere Vorteile, es bedeutet auch ein breiteres Spektrum an Expertise bei den Gutachter:innen, außerdem eine größere Anzahl an Reviews pro Skizze. Nicht zuletzt erhalten alle Antragstellenden wertvolles Feedback zu ihren Skizzen, unabhängig vom Ausgang der Begutachtung. Das war bisher aufgrund der großen Zahl an Einreichungen nicht möglich.

Wie funktioniert Distributed Peer Review konkret?

Pavel Dutow: Alle Antragstellenden, die eine Skizze einreichen, erklären sich damit automatisch bereit, selbst als Gutachtende im DPR zu fungieren. Konkret bedeutet das:

  • Jede:r Antragstellende begutachtet bis zu 8 Skizzen (4-Seiter).
  • Die Begutachtung erfolgt innerhalb von sechs Wochen, anhand von standardisierten Fragebögen.
  • Das Verfahren ist doppelblind: Antragstellende und Gutachtende sind anonymisiert.
  • Die Zuordnung der Skizzen zu den jeweiligen Gutachter:innen erfolgt auf der Basis der Fachgebiete, die bei Antragstellung angegeben wurden. Dabei werden mögliche Befangenheiten berücksichtigt.
  • Jede Skizze wird von 8-10 Gutachtenden bewertet.

Rund 30 der eingereichten Skizzen werden auf der Grundlage dieser Bewertungen für die zweite Stufe des Verfahrens ausgewählt. Die erfolgreichen Antragstellenden werden von uns eingeladen, einen Vollantrag einzureichen. Diese Vollanträge werden von einem internationalen, interdisziplinären Expertengremium begutachtet.

mehrere Holzfiguren stehen vor und hinter einer Lupe

Begutachtung per Distributed Peer Review Verfahren (DPR)

Seit 2024 experimentiert die VolkswagenStiftung mit "Distributed Peer Review", einem Begutachtungsverfahren, bei dem sich die Antragstellenden gegenseitig begutachten. Hier finden Sie alle wichtigen Infos rund um das Verfahren.

Begutachtung per Distributed Peer Review

Wie gewährleistet die Stiftung die Vertraulichkeit der Skizzen und verhindert strategisches Verhalten im DPR?

Theresa Kratzsch: Uns ist bewusst, dass bei den Antragstellenden die Sorge um die Vertraulichkeit der Skizzen groß ist, und wir nehmen das sehr ernst. Der Schutz geistigen Eigentums ist uns ein wichtiges Anliegen. Das Risiko des Ideenklaus bei Peer-Review-Verfahren lässt sich nicht vollständig ausschließen, wir bemühen uns jedoch, es zu minimieren. Alle Teilnehmenden des DPR verpflichten sich zur Vertraulichkeit. Inhalte der Skizzen dürfen weder verbreitet noch gespeichert oder für eigene Zwecke genutzt werden. Wir erwarten von allen Teilnehmer:innen, dass sie die Begutachtung nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis durchführen und geistiges Eigentum respektieren.

Pavel Dutow: Darüber hinaus werden alle Einreichungen in zwei Zufallsgruppen aufgeteilt, um strategisches Bewertungsverhalten zu reduzieren. Die Antragstellenden erhalten nur Skizzen aus der jeweils anderen Gruppe zur Begutachtung. So können sie keinen direkten Einfluss auf die Rangfolge der Vorschläge nehmen, mit denen sie im Wettbewerb stehen.

Antragstellung, Termine und Tipps

Wie reiche ich eine Skizze ein?

Theresa Kratzsch: Die Skizzen werden über das Förderportal der Stiftung eingereicht. Dort sowie auf unserer Website finden sich ein entsprechendes Template und ein Merkblatt mit den Kriterien für Pioniervorhaben sowie allen weiteren "Spielregeln". Dabei sind die wichtigsten Grundvoraussetzungen: 

  • eine innovative und risikoreiche Forschungsidee,
  • die Bereitschaft zur Teilnahme am DPR-Verfahren,
  • die Einreichung der Skizze in englischer Sprache und
  • eine vollständige Anonymisierung.

Pavel Dutow: Wichtige Termine für alle Interessierten sind die Online-Sprechstunden am 11. Juni und 16. Juli 2026, dann beantworten wir Fragen zu den formalen Antragsbedingungen und zum DPR. Und natürlich der Stichtag für die Einreichung der Skizzen am 27. August 2026 um 14 Uhr.

Die Einladungen für die Vollanträge werden dann Anfang 2027 verschickt. Die Vollanträge werden von einem internationalen, interdisziplinären Expertengremium begutachtet, die bewilligten Projekte werden dann voraussichtlich im Herbst 2027 bekanntgegeben.

Möchten Sie möglichen Antragsteller:innen noch etwas mit auf den Weg geben?

Theresa Kratzsch: Ja, wir haben noch einen Tipp für alle Interessierten: Bitte prüfen Sie die Programmkriterien sorgfältig. Auch ein Blick in unsere Projektdatenbank kann dabei helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was ein Pioniervorhaben auf der Suche nach dem "unbekannten Unbekannten" ausmacht. Als "Blaupause" sollten die Beispiele aber nicht unbedingt verstanden werden. 

Pavel Dutow: Wichtig ist auch die kritische Selbstreflexion der eigenen Projektidee: Welche Einwände könnte es gegen Ihr Vorhaben geben – und wie würden Sie darauf antworten? Diese Perspektive kann helfen, einzuschätzen, ob die Idee zum Programm passt. In der Vergangenheit waren häufig Kooperationsprojekte erfolgreich, insbesondere solche mit interdisziplinärem Ansatz. Wir sind jedoch explizit offen für jegliche Art von Projektzuschnitt.  

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