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Migration als Prisma für unsere Zukunft – Manuela Bojadžijev erklärt ihr Forschungsprojekt

#Grundlagenforschung

Jan Rübel

Eine Frau lehnt an einer Brüstung und schaut in die Kamera

Mobilität kennzeichnet das Weltgeschehen – nur folgt der Blick auf Migration veralteten Mustern. Das "Aufbruch"-Projekt von Manuela Bojadžijev und Robin Celikates setzt auf neue Forschungsdesigns, um mithilfe der Migration die Transformationen unserer Zeit besser zu verstehen.

Dieses Projekt nimmt sich eine Menge vor. Nicht nur neu nachdenken wollen Manuela Bojadžijev und Robin Celikates: Die beiden Professor:innen möchten "re-)formulieren, wie soziale Beziehungen beschaffen sein müssten, um den gegenwärtigen existenziellen Fragen der Menschheit begegnen zu können", wie es in ihrer Projektbeschreibung heißt. Neue Forschungsdesigns sollen dafür her. Das klingt ziemlich grundlegend.

"Inventur und Invention. Migration als Prisma für die Krisen unserer Zeit" lautet der Titel ihres Projekts. Damit streben Bojadžijev und Celikates einen Paradigmenwechsel an. "Bisher wurde Migration als Ausnahme beschrieben", sagt Bojadžijev. "Die Vorstellung war eindimensional: Leute kommen zunächst als Gäste. Sie gehen wieder. Oder sie bleiben." Entsprechend habe die Migrationsforschung als Disziplin ein Dasein am Rande gefristet, als eine angewandte Forschung zur Lösung gesellschaftspolitischer Probleme, "definiert von Problemlagen, die nicht wissenschaftlich hergeleitet, sondern politisch gesetzt sind." All dies, befanden Bojadžijev und Celikates, passe kaum.

Im Querschnitt liegt die Lösung

Bojadžijev lehrt am Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität und Celikates am Institut für Philosophie der Freien Universität in Berlin. In einem engen Dialog anthropologischer und philosophischer Ansätze sind die beiden im Projekt zunächst Sammler:innen; sie suchen auf, was es an Forschungen und Vorschlägen aus verschiedensten Richtungen gibt, um Migration neu zu denken: eben als zentrale Querschnittsforschung, gar als Grundlagenforschung. "Migration eignet sich als Erklärungsansatz selbst", sagt Bojadžijev, "und zwar als Prisma, durch das wir Funktionsweisen und Transformationen, aber auch aktuelle Krisen unserer Gesellschaft anders verstehen lernen können".

Eine Frau hält ein Mikrophon in der Hand und gestikuliert.

Manuela Bojadžijev hat die Professur für Migration in globaler Perspektive an der HU Berlin inne.

Gefördert wird ihr Vorgehen von der VolkswagenStiftung im Programm "Aufbruch": Damit werden Forschende aus den Geistes- und Kulturwissenschaften dabei unterstützt, ihrer Neugierde zu folgen und den ersten Schritt in etwas Neues und Unbekanntes zu wagen. Gefördert werden Projekte mit einem "Aufbruchcharakter", die nicht nur neue Perspektiven auf bereits bekannte Forschungsgegenstände anbieten, sondern gänzlich neue Forschungsräume und -themen explorieren.

Das Vorhaben der beiden zur Inventur und Invention begann 2024 und wurde nach zwei Jahren bis Ende 2026 verlängert. Drei zentralen Fragestellungen gehen die beiden Wissenschaftler:innen nach: Wie neue Regierungsweisen in verschiedenen Staaten aussehen, wie die Herausforderungen des Klimawandels mit ihren Effekten auf menschliche Mobilität aussehen und wie die rassistischen Konfigurationen des Sozialen im globalen Kontext verfasst sind. Die beiden Forschenden agieren wie Botaniker:innen, die in einen Wald gehen und hier und da wichtige Pflanzen sammeln, um sie in einem neuen großen Garten zusammenzufügen und sich besser entwickeln zu lassen. "Migration ist konstituierend", sagt Bojadžijev. "Aber das bisherige Verständnis von Mobilität ist immer noch in Kategorien verhaftet, die der Realität einer verflochtenen Weltgesellschaft nicht mehr gerecht werden." Es geht um einen Wirklichkeitscheck. Das ist die Inventur. Und dann um eine Neuvermessung. Das ist die Invention.

Die organischen Intellektuellen zusammenführen

Im Fokus des Projekts stehen Workshops, in denen Expert:innen zusammenkommen, die organisches Wissen und inventive Kenntnisse zum Komplex der Mobilität haben: Betroffene, Aktivist:innen aus der Zivilgesellschaft und Forschende. "Damit erweitern wir bewusst den Rahmen wissenschaftlicher Diskussionen", so Bojadžijev. So vereinen zum Beispiel die Workshops zu den Fragen nach Governance oder rassistischen Verfasstheiten Menschen aus Gewerkschaften und der Entwicklungszusammenarbeit, aus künstlerischen Kreisen und aus Nichtregierungsorganisationen, "gerade letztere, die etwa sozialstaatliche oder Arbeitsberatung leisten, sind für uns organische Intellektuelle von großem Wert".

Eine Gruppe von fünf Menschen sitzt auf einer Bühne und diskutiert.

Bei der Veranstaltung "Die Bedeutung von Grundlagenforschung für den Fortschritt" stellte Manuela Bojadžijev ihr Forschungsprojekt vor und diskutierte anschließend auf dem Podium über die Bedeutung solcher Explorationszüge für die gesamte Gesellschaft.

In den Treffen wird erörtert, wo die Menschen in ihrer Arbeit an Grenzen stoßen, welche durch die alten und verengten Kategorien von Migration entstehen. "Zum Beispiel muss eine Organisation wie ‚Pro Asyl‘ ihr Engagement neu justieren, weil ein Meilenstein des Völkerrechts wie die Genfer Flüchtlingskonvention mittlerweile umstritten ist." 

Aufgabe von Bojadžijev und Celikates ist es, immer wieder diese Leute zu finden; bisher gab es drei Workshops zur Governance und zahlreiche weitere zu rassistischen Konfigurationen des Sozialen im globalen Kontext. "Manchmal klappt es auch nicht", sagt sie. "Dann verstehen die Leute unseren Ansatz nicht." Aber das Scheitern ist in dieser Art von Grundlagenforschung eingepreist. "Bei einem anderen Projekt forschten wir zu einer Kurier-Plattform", erzählt die Anthropologin, "weil diese eine starke Migrationskomponente haben, die bisher oft vernachlässigt wurde. Aber währenddessen wurde die beforschte Plattform zugemacht – wegen der hohen Konkurrenz in der Branche." Klappt der Austausch in diesen Workshops, erweisen sie sich gegenüber dem Ausmaß, der Komplexität und der zeitlichen sowie räumlichen Reichweite der gegenwärtigen Herausforderungen als angemessen. Das klingt diplomatisch. Aber eine Neujustierung tut not.

Um diese Realität wahrzunehmen, müssen wir nach neuen Forschungsdesigns und epistemologischen Kooperationen suchen.

Manuela Bojadžijev, Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin

Die alten Zöpfe

Noch in den Nullerjahren sei diskutiert worden, ob die Bundesrepublik ein Einwanderungsland sei, "und das nach Jahrzehnten der sogenannten ‚Gastarbeiter‘, der Flucht aus Kriegsgebieten, den Neunzigern mit der Binnenmigration im Zuge des Mauerfalls und der EU-Osterweiterung sowie dem Zuzug von Spätaussiedlern". Die Zeit war im Wandel, aber das Wissen in den Werkzeugkästen der Wissenschaften schien veraltet, eben in der Annahme statischer Gesellschaften, die den Blick auf die veränderten Mobilitätspraktiken verstellte. "Mit Hilfe der Workshops suchen wir diese zentralen Widersprüche, um letztlich das Gesamte zu sehen." Durch dieses Manöver würde die Migrationsforschung entmigrantisiert. Die Gesellschaftsforschung würde migrantisiert werden. Damit schneidet das Projekt eine Schneise. "Am Ende forscht man manchmal gar nicht mehr zur Migration", lacht sie. "Die Grundfragen, wie sich unsere Gesellschaft reorganisiert, was da gerade passiert, hat zentral mit der Mobilität von Menschen zu tun."

[Digitale Plattformen] schaffen neue globale Korridore, welche die souveräne Autorität des Nationalstaats unterlaufen.

Manuela Bojadžijev, Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin

Nationalstaat allein war gestern

Für diesen Perspektivwechsel im Sinne von ‚Seeing like a Migrant" nennt Bojadžijev beispielhaft digitale Plattformen, die sie als neue Territorien begreift. "Diese schaffen neue globale Korridore, welche die souveräne Autorität des Nationalstaats unterlaufen." Datenströme und menschliche Bewegungen verschmelzen miteinander, und teils trennen sich Arbeit und Ort – wenn ein Mensch in Bangalore für ein Unternehmen in Texas arbeitet. Kaum ein Bereich unseres Zusammenlebens, sei es in der Pflege, in der Spitzenforschung oder eben in den digitalen Infrastrukturen, der nicht von Mobilitätsprozessen durchdrungen ist: "Um diese Realität wahrzunehmen, müssen wir nach neuen Forschungsdesigns und epistemologischen Kooperationen suchen." Dies ist, was man einen Aufbruch nennt – wie der Name des von der Stiftung aufgestellten Programms.

Fünf Menschen sitzen auf einer Bühne.

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Link zum Veranstaltungsbericht

Im Zuge dieses Projekts, aber auch darüber hinaus, sind einige Publikationen erschienen; im August 2026 wird das "Handbuch Rassismusforschung" herauskommen. "Wir folgen den Menschen und nehmen deren Blick auf", sagt sie. Die zu entwickelnden Forschungsdesigns sollen auf grundlegend neuen Verallgemeinerungen beruhen, müssten aber auch methodisch neu ausgelegt werden. "Die Migrationsforschung hatte immer einen methodischen Nationalismus. Aber generell gilt in der Wissenschaft: Wer eine starke Hypothese hat, läuft Gefahr, viele Dinge nicht mehr zu sehen." Aus dieser erkenntnistheoretischen Sackgasse möchte das Duo Bojadžijev und Celikates heraus. "Wenn eine Forschung ihre Fragen und Begriffe aus der tagespolitischen Debatte bezieht, verliert sie wissenschaftliche Distanz und ihre Unabhängigkeit." Die Prozesse der Globalisierung aber verlangten nach universellen Theorien.

Bleibt man beim Bild der Migration als Prisma, so zerlegt dieses das weiße Licht der staatlichen Ordnung in seine spektralen Bestandteile und offenbart so die globalen Verflechtungen und "das ständige Ringen um das Recht, Rechte zu haben", zitiert Bojadžijev Hannah Arendt. Der Ansatz des Projekts ist also zutiefst humanistisch, mit der zentralen Frage: Wie muss das soziale Band in dieser neuen Welt gedacht werden? Bojadžijev und Celikates jedenfalls sind dran.

Illustration, die zwei Hände zeigt, die einen Vorhang öffnen

Grundlagenforschung

Grundlagenforschung gehört seit der Gründung der VolkswagenStiftung im Jahr 1962 zu unserem Selbstverständnis: Von uns geförderte Wissenschaftler:innen stoßen neugiergetriebene, visionäre Projekte an, wagen Experimente mit ungewissem Ausgang und hinterfragen bestehende Hypothesen, um zu grundlegend neuen Erkenntnissen zu gelangen.

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