Veranstaltungsbericht

Gründungskultur made in Niedersachsen

Autorin: Jeannette Goddar

Sechs Menschen stehen an zwei Stehtischen auf einer Bühne und sprechen miteinander

(v.l.n.r.) Stefan Drüssler (Geschäftsführer UnternehmerTUM), Christoph Stresing (Geschäftsführer Bundesverband Deutsche Startups e.V.), Andrea Frank (Stifterverband und Mitglied des Innovationsrat Niedersachsen), Matthias Wunderling-Weilbier (Staatssekretär im Nds. Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Bauen), Falko Mohrs (Nds. Minister für Wissenschaft und Kultur) und Meike Neitz (Moderation)

Nach dem Ende alter Gewissheiten sind mehr denn je Innovation und Gründungskultur gefragt. Auf welche Technologiefelder das Land Niedersachsen seinen Fokus dabei richten sollte, stand im Zentrum des 3. Innovationsdialogs der VolkswagenStiftung und Niedersachsen.next am 21. April 2026.

Die Grundlagen, auf denen Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg lange ruhte, tragen nicht länger. "Die Trias aus billiger Energie aus Russland, billigen Waren aus China und sicherheitspolitischer Verlässlichkeit durch die USA funktioniert so nicht mehr", sagte Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD) zum Auftakt des 3. Niedersächsischen Innovationsdialogs. Und schob direkt hinterher: "Verzweiflung ist aber kein Konzept." Es brauche Tempo, Gestaltungswillen und eine klare Priorisierung, um den Wohlstand des Landes für die kommenden Jahrzehnte zu sichern.

Bereits zum dritten Mal begrüßten VolkswagenStiftung und Niedersachsen.next am 21. April während der Hannover Messe rund 200 Gäste aus Wissenschaft, Start-up-Szene und Politik zum Innovationsdialog ins Schloss Herrenhausen. Das Motto der diesjährigen Veranstaltung: "Future Made in Niedersachsen – Technologien für eine gesicherte Zukunft". 

Hatte sich die Dialogrunde 2024 mit der Theorie einer neuen Gründungskultur und jene 2025 mit deren Umsetzung beschäftigt, ging es nun ans Eingemachte: Auf welche Technologiefelder soll das Acht-Millionen-Einwohner-Land mit seinen 20 Hochschulen in staatlicher Verantwortung und einer traditionell starken Autoindustrie, aber auch weiteren starken Kompetenzfeldern, denn künftig setzen? Sicher nicht auf alle, stellte Mohrs klar: "Wir müssen weg von der Haltung: Wir haben von allem etwas, aber nichts wirklich konsolidiert. Entscheidend ist: Wo können wir richtig gut werden?"

Ein Mann steht an einem Pult und hält einen Vortrag

Niedersachsens Wissenschaftsminister Falko Mohrs sprach stellvertretend für die Landesregierung zu Beginn des Innovationsdialogs. 

Vom Bauchgefühl zu validierten Daten

Um Antworten zu finden, hat die Landesregierung Ende 2024 einen Innovationsrat eingesetzt, dessen Geschäftsstelle bei der VolkswagenStiftung angesiedelt ist. Bis zum Sommer soll er Empfehlungen vorlegen. Die Leitfrage skizzierte Mohrs so: "Wer macht was bis wann mit welchem Ziel?" Flankiert wird die Arbeit des Rats von einem mehrstufigen Analyseprozess, den die VolkswagenStiftung und die Landes-Innovations-Agentur Niedersachsen.next gemeinsam angestoßen haben.  

Der Innovationsrat Niedersachsen

Wer entscheidet künftig, wo Niedersachsen seine Kräfte bündelt? Eine zentrale Rolle spielt dabei der Innovationsrat. Das elfköpfige Gremium mit Mitgliedern aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz wurde Ende 2024 von der Landesregierung eingesetzt, um binnen 18 Monaten Vorschläge für bessere Rahmenbedingungen für Innovation und neues Unternehmertum zu erarbeiten. Die Geschäftsstelle ist bei der VolkswagenStiftung angesiedelt, den Vorsitz hat Georg Schütte. Empfehlungen werden für Sommer 2026 erwartet.

Mehr über den Innovationsrat Niedersachsen

Eine Prognos-Studie lieferte eine Bestandsaufnahme, 260 Stakeholder aus Wirtschaft und Wissenschaft standen Rede und Antwort. Der in Brüssel ansässige Thinktank Center for European Policy Studies überprüfte die Ergebnisse anhand empirischer Daten. "Wir reden hier nicht aus dem Bauch heraus", sagte Georg Schütte, Vorstand der VolkswagenStiftung, der die bisherigen Erkenntnisse gemeinsam mit Lena Oesterlin-Meret, Geschäftsstellenleiterin BioRegioN bei Niedersachsen.next, vorstellte.

Eine Frau und ein Mann sprechen auf einer Bühne miteinander

Georg Schütte (Vorstand der VolkswagenStiftung) und Lena Oesterlin-Meret (Geschäftsstellenleiterin BioRegioN bei Niedersachsen.next) berichteten den Teilnehmer:innen von der Arbeit des Niedersächsischen Innovationsrat und dem begleitenden Analyseprozess der vorliegenden Daten. 

Wo Niedersachsen besser werden muss

Die Diagnose macht neben Potenzialen großen Handlungsbedarf deutlich: Bei Forschungsstärke und Patenten ist das Land Niedersachsen gut aufgestellt. "Doch wenn es darum geht, Wissen in Wert zu setzen, sind wir allenfalls Mittelmaß", so die nüchterne Analyse von Schütte. Auch bei der Einwerbung von Bundesmitteln ist deutlich Luft nach oben: Platz 15 von 16 Bundesländern. "Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Kräfte bündeln", kommentierte Hans-Jürgen Buß von Niedersachsen.next.

Vier Felder für die Zukunft

"Wir müssen uns stärker fokussieren", forderte Oesterlin-Meret und stellte 8 Technologiefelder mit 39 Schlüsseltechnologien vor, die nach Auswertung aller Daten und Gespräche aussichtsreich erscheinen. Hieraus wurden vier sektorübergreifende Fokusthemen gewählt: Künstliche Intelligenz und Robotik; Biotechnologie; Photonik und Quantentechnologie; Dekarbonisierung und Zirkularität, also Kreislaufwirtschaft. "Wir glauben, damit sind wir anschlussfähig – an die Hightech-Strategie des Bundes ebenso wie an europäische Programme", sagte Schütte.

Mehrere Menschen sprechen neben einer Pinnwand miteinander

In insgesamt fünf Workshops konnten sich die Teilnehmer:innen intensiv zu jeweils einem spezielleren Thema austauschen. 

Denn Druck zur Fokussierung kommt auch aus Brüssel.  Der Draghi-Report zur Wettbewerbsfähigkeit Europas hat die Defizite bereits 2023 deutlich benannt. In seiner Folge stehen nun auch die Förderprogramme der EU vor einem massiven Umbau. "Einiges ist noch unklar. Doch es zeichnet sich ab: Auch um an europäische Gelder zu kommen, ist Fokussierung unerlässlich" erklärte Buß in einem Workshop zu den Fokusthemen. 

Noch in vier weiteren Workshops wurde intensiv darüber debattiert, wie eine konkrete Umsetzung aussehen soll: Wie können Leuchttürme aus den Life Sciences als Blaupause für das ganze Land dienen? Wie kann Niedersachsen nationale Hub-Strukturen und europäische Innovationstrends nutzen, um Synergien zu schaffen? Und ganz entscheidend: Wie lässt sich Wagniskapital mobilisieren?

Die Frage nach dem Kapital

Hier machte der Innovationsdialog einen klaren strukturellen Nachteil deutlich. Im Süden der Republik ist schlicht viel mehr Risikokapital vorhanden. Mit dem Geschäftsführer Stefan Drüssler war erneut ein Vertreter der UnternehmerTUM aus München zu Gast. Hinter dem Titel verbirgt sich das Start-up-Zentrum der TU München, das von der "Financial Times" soeben zum dritten Mal zu Europas führendem Gründungszentrum gekürt wurde. 

Drüssler berichtete von Mega-Gründungen wie Flixbus und einem "Flywheel-Effekt" – gemeint ist, dass anfängliche Anstrengungen wie bei einem Schwungrad eine massive Eigendynamik auslösen. An die Milliarden-Investitionen in Bayern wird Niedersachsen vorerst nicht herankommen. "Doch wenn eine Idee hier entsteht, sollten wir mit drei, vier Investoren eine gewisse Kapitalintensität hinbekommen können", forderte Schütte. Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier formulierte es pragmatisch: "Geld findet man immer, man muss nur kreativ sein."

Zwei Männer, einer davon spricht in ein Mikrofon, stehen neben einer Frau

Vertraten im abschließenden Rundgespräch die Landesregierung: Staatssekretär Wunderling-Weilbier und Wissenschaftsminister Mohrs.  

Christoph Stresing, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutsche Startups, betonte, es gehe nicht allein ums Kapital. Er regte eine Reihe von Maßnahmen an, die kostengünstig oder gar kostenneutral sind: schnellerer IP-Transfer aus Hochschulen, Gründungserfahrung als Kriterium bei Professuren, die Einbindung von Start-ups in die öffentliche Beschaffung. "Das ist Innovationsförderung zum Nulltarif", so Stresing. Komplexe Vergabeverfahren und ein Tariftreuegesetz seien hier eher hinderlich. Für Niedersachsen lobte er die Aufwertung des Themas durch den von der Landesregierung eingesetzten Innovationsrat: "Auf Bundesebene vermissen wir das leider – anders als in Frankreich, wo Präsident Macron bereits 2017 die Weiterentwicklung zur 'Start-up-Nation' auf die Agenda gesetzt hat."

Eine Frau spricht in ein Mikro, fünf andere Menschen hören ihr zu

 "Ein bemerkenswerter Prozess bei hohem Commitment", so kommentiert Frank die angelaufenen Prozesse, das mache ihr Mut. 

In der abschließenden Paneldiskussion wurde eine klare Vision formuliert: In fünf bis zehn Jahren soll Niedersachsen deutlich mehr skalierbare Start-ups hervorbringen – getragen von einem Zusammenspiel von Hochschulen, Industrie, Investoren und Politik. Andrea Frank, stellvertretende Generalsekretärin des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft und Mitglied des Innovationsrats, machte mit Blick auf die Initiativen der zurückliegenden Jahre Mut. "Ein bemerkenswerter Prozess bei hohem Commitment. Das ist eine Riesenchance für Niedersachsen, es macht großen Spaß, das zu beobachten." Den passenden Schlusspunkt setzte Minister Mohrs mit einem Weckruf an die niedersächsische Seele: "Wir müssen aus dem Gefühl raus, dass wir mit dem Mittelmaß zufrieden sind. Das sind wir nicht! Wir müssen selbstbewusster und lauter sein – und nicht so norddeutsch nüchtern!"

Der nächste, vierte Innovationsdialog ist für den 6. April 2027 geplant. 

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