"Wir wollen Impulse für gute Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft geben."
VolkswagenStiftung
Die VolkswagenStiftung dreht an einer wichtigen Stellschraube für bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft: Künftig sollen Vollzeitstellen für Doktorand:innen in Deutschland zur Norm werden. Im Interview erläutert Henrike Hartmann, Leiterin des Geschäftsfeldes Förderung, die neue Regelung.
Frau Hartmann, ab April gibt es eine neue Vorgabe für den Stellenumfang von Doktorand:innenstellen in beantragten Projekten. Was ändert sich konkret?
Henrike Hartmann: Zukünftig können Stellen für Doktorand:innen an deutschen Institutionen bei uns nur in einem Stellenumfang von 100% beantragt werden, es können entsprechend auch nur Vollzeitstellen bewilligt werden.
Was hat die VolkswagenStiftung dazu bewogen, ihre Regeln für die Finanzierung von Doktorand:innenstellen anzupassen?
Wir möchten dazu beitragen, das Wissenschaftssystem in Deutschland weiterzuentwickeln und zu verbessern. Eine wichtige Rolle spielen dabei natürlich die Arbeitsbedingungen und Personalstrukturen. Wir wollen den Spielraum, den wir als private Stiftung genießen, nutzen: Einerseits sorgen wir in den von uns geförderten Projekten für bessere Arbeitsbedingungen, und gleichzeitig geben wir einen Impuls in das deutsche Wissenschaftssystem, der hoffentlich auch von anderen Akteuren aufgegriffen werden kann.
Unser Kuratorium hat diesen Schritt im Sommer 2025 beschlossen, unter anderem basierend auf den Ergebnissen der von der Stiftung in Auftrag gegebenen Studie "Wissenschaftskulturen in Deutschland".
Welche Erkenntnisse hat die Studie "Wissenschaftskulturen in Deutschland" zu diesem Thema geliefert?
Die Studie zeigt, dass der Beschäftigungsumfang von Doktorand:innen in Deutschland stark variiert – häufig liegt er zwischen 50 und 100 Prozent. Besonders in interdisziplinären Projekten kann dies zu Spannungen führen, wenn Doktorand:innen aus verschiedenen Disziplinen unterschiedlich vergütet werden und dadurch bestimmte Disziplinen sozusagen monetär "abgewertet" werden.
Wenn Stellen nicht voll vergütet werden, erschwert das darüber hinaus an teuren Forschungsstandorten zunehmend die Rekrutierung von Nachwuchswissenschaftler:innen. Auffällig ist außerdem, dass Fachbereiche mit einem höheren Frauenanteil tendenziell häufiger geringere Stellenanteile aufweisen als männerdominierte Disziplinen. Damit trägt die bisherige Praxis zum Gender Pay Gap in der Wissenschaft bei.
Die Studie empfiehlt ganz klar, dass Drittmittelgeber eine Vollanstellung für Doktorand:innen in allen Fachbereichen als Norm etablieren sollten.
Ab wann gilt die neue Regelung?
Der Startschuss fällt am 1. April 2026, ab dem Zeitpunkt können in allen Ausschreibungen der VolkswagenStiftung Doktorand:innenstellen an deutschen Institutionen nur noch als Vollzeitstellen beantragt werden.
Ist die neue Regel nicht etwas starr, da manche Wissenschaftler:innen gerne in Teilzeit arbeiten möchten?
Wir zeigen uns natürlich flexibel, wenn das der explizite Wunsch des oder der Doktorand:in ist und berücksichtigen individuelle Lebenssituationen, in denen eine Teilzeitbeschäftigung sinnvoll sein kann. Wenn der Antrag erfolgreich war, kann im Nachgang ein Antrag auf Reduktion einer Stelle gestellt werden, wenn dies beispielsweise für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewünscht wird. Die Reduktion des Stellenumfangs muss nachgewiesen im Interesse des oder der Angestellten sein, es darf nicht die Absicht dahinterstehen, Kosten zu sparen. Personalmittel, die durch eine Reduktion "frei" geworden sind, werden gesperrt und können nicht anderweitig verwendet werden.
Wir sehen diesen Schritt als notwendig an, um langfristig strukturelle Verbesserungen zu erreichen.
Wie gehen andere Förderorganisationen mit dem Thema um?
Förderorganisationen handhaben den Stellenumfang von Promotionsstellen unterschiedlich. In vielen Programmen werden nach wie vor verschiedene Stellenanteile gefördert, häufig abhängig von der jeweiligen Disziplin. Wir haben uns bewusst für einen einheitlichen Ansatz entschieden: Unser Ziel ist es, mit der eigenen Förderpraxis ein Signal für gute Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft zu setzen.
Haben Sie schon Rückmeldungen zur neuen Regelung erhalten? Wie reagiert die Community auf diese Änderung?
Die Rückmeldungen sind gemischt: Viele begrüßen die neue Regelung als wichtigen Beitrag zu besseren Arbeitsbedingungen für Doktorand:innen. Andere weisen darauf hin, dass Forschungsgruppen ihre Projektplanung oder bestehende Strukturen anpassen müssen. Uns ist bewusst, dass die Umstellung Veränderungen mit sich bringt. Gleichzeitig sehen wir diesen Schritt als notwendig an, um langfristig strukturelle Verbesserungen zu erreichen und die Attraktivität dieser Stellen vor dem Hintergrund eines sich verändernden Arbeitsmarkts zu erhöhen. Wir schauen uns an, welche Auswirkungen die neue Regelung hat und sammeln natürlich die Rückmeldungen aus der Praxis und werten sie aus.
Gibt es weitere Empfehlungen aus der Studie, die bereits in der Förderpraxis umgesetzt werden?
Ja. Die Stiftung hat bereits eingeführt, dass auch unbefristet angestellte Mitarbeiter:innen aus Projektmitteln gegenfinanziert werden können. Damit sollen Forschungsinstitutionen ermutigt werden, Mitarbeitende trotz der projektförmigen Finanzierung vieler Drittmittelvorhaben unbefristet zu beschäftigen.
Gemeinsam mit der Jungen Akademie haben wir zudem den Wettbewerb "Bestes Forschungsumfeld" ausgerufen: Der Preis soll dazu beitragen, die Qualität des Forschungsumfelds als wichtiges Merkmal für Wissenschaftsorganisationen stärker in den Fokus zu rücken und eine Diskussion darüber anzustoßen, was ein gutes Forschungsumfeld ausmacht.
An dieser Stelle möchte ich auch auf die vielfältigen Aktivitäten unseres Teams "Wissen über Wissen" hinweisen: Wir schauen uns laufend an, wie das Wissenschaftssystem verbessert werden kann, an welchen Stellschrauben wir noch drehen müssen. Das bleibt auch weiterhin ein wichtiger Fokus von uns.