"Nicht jede Hochschule muss alles gleich gut können."
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Die Initiative "Potenziale strategisch entfalten" ist mit 300 Mio. Euro die größte Einzelmaßnahme der Wissenschaftsförderung in der Geschichte Niedersachsens. Auch deshalb haben das Niedersächsische Wissenschaftsministerium und die VolkswagenStiftung diese Initiative ausgewählt, um ein wirkungsorientiertes Monitoring zu entwickeln.
In der Flaggschiff-Förderung "Potenziale strategisch entfalten" des Programms zukunft.niedersachsen haben sich die Hochschulen vielfältige Entwicklungsziele gesetzt. In welche Richtung sich das Wissenschaftssystem durch die Strukturförderung wandeln könnte, diskutieren Jutta Allmendinger, Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen (WKN), und Henrike Hartmann, Leiterin des Geschäftsfelds Förderung in der VolkswagenStiftung.
Voraussetzung für eine Bewerbung bei "Potenziale strategisch entfalten" (PSE) war ein Strategiekonzept. Brauchten die Hochschulen diese Förderung, um überhaupt eine Strategie zu entwickeln?
Hartmann: Nein, natürlich nicht. Jede Hochschule verfügt über eine eigene Strategie, unterschiedlich ausgeprägt. Ziel der Initiative war aber, strategische Prozesse gezielt zu schärfen. Es ging darum, interne Diskurse anzustoßen und den Blick nach vorn zu richten: Wohin wollen wir uns entwickeln – in Forschung, Lehre und Transfer, aber auch als Institution mit zeitgemäßen Strukturen. Niedersachsen hatte hier eine besondere Chance.
Das Wissenschaftsministerium hat mit dieser Ausschreibung ein klares Signal gesendet: Die Mittel sollten nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden, sondern es sollten gezielt Impulse gesetzt werden, um die Zukunftsfähigkeit der Hochschulen zu stärken.
Dr. Henrike Hartmann ist Mitglied der Geschäftsleitung der VolkswagenStiftung und Leiterin des Geschäftsfelds Förderung.
Wie bewerten Sie diesen Ansatz aus Sicht der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen (WKN)? Reicht ein Strategieprozess aus, um den Wissenschaftsstandort langfristig sichtbarer zu machen?
Allmendinger: Der Prozess setzt ja früher an. Ein wichtiger erster Schritt war die Potenzialanalyse der WKN. Sie sollte die Hochschulen dazu anregen, ihre jeweilige Rolle klarer zu bestimmen – regional, national und international.
Dabei ging es ausdrücklich nicht um ein "one size fits all". Angesichts sehr unterschiedlicher Größen, regionaler Bedarfe, demografischer Entwicklungen, Internationalisierung, aber auch gesellschaftlicher Herausforderungen mussten sich die Einrichtungen fragen: Wie wollen wir uns einbringen, welche Rolle wollen wir spielen, wo setzen wir besondere Schwerpunkte?
Gleichzeitig war klar: Reflexion allein reicht nicht. Viele Hochschulen haben zu Recht gesagt, dass sie für diesen Prozess Unterstützung brauchen – finanziell, aber auch im Mitdenken.
Beides wurde geleistet. Mittlerweile wurden Strategien entwickelt, Anträge wurden evaluiert, Förderungen ausgesprochen. Entscheidend sind nun Umsetzung und Nachhaltigkeit: Strategien müssen implementiert, überprüft und weiterentwickelt, eventuell auch korrigiert werden.
Wie wurde dieser Differenzierungsgedanke im Auswahlprozess berücksichtigt?
Hartmann: Von Beginn an war klar: Nicht jede Universität in Niedersachsen kann und soll Exzellenzuniversität werden. Das war in der Ausschreibung so formuliert und spielte auch in der Begutachtung eine zentrale Rolle. Konzepte wurden immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Hochschule bewertet. In der weiteren Entwicklung geht es darum, Anspruch und Realität zusammenzubringen und zu prüfen, wie sich die Strategien tatsächlich entwickeln.
Prof. Dr. Jutta Allmendinger ist Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen, des wichtigsten Beratungsgremiums für Wissenschafts-, Forschungs- und Hochschulpolitik in dem Bundesland.
Wenn wir anerkennen, dass auch Lehre reputationsbildend ist, verschiebt sich etwas Grundlegendes im System.
Frau Allmendinger, in einem WKN-Papier wird von "komplementären Profilen funktionaler Leistungsrollen" gesprochen. Was ist damit gemeint?
Allmendinger: Im Kern geht es um Gleichwertigkeit statt Gleichheit. Exzellenz in Forschung, Lehre und Wissensaustausch mit der Gesellschaft sind unterschiedliche, aber gleich zu gewichtende Aufgaben. Ein gutes Wissenschaftssystem zeichnet sich genau dadurch aus: Unterschiedliche Leistungen werden gleichwertig ernst genommen. Nicht besser oder schlechter, sondern passend zum Profil der jeweiligen Einrichtung. Dafür braucht es Mut, denn historisch war unser System stark auf internationale Spitzenforschung ausgerichtet. Diesen Gedanken stärker zu machen und mit den Hochschulen in Niedersachsen zu diskutieren war das Hauptziel der schon erwähnten Potentialanalyse der WKN.
Hartmann: Reputation entsteht bislang fast ausschließlich über Forschung. Lehre und Transfer spielen eine deutlich geringere Rolle. Wenn wir anerkennen, dass Lehre reputationsbildend ist – in unterschiedlicher Weise für unterschiedliche Institutionen –, verschiebt das etwas Grundlegendes im System.
Allmendinger: Das ist auch für Lehrende zentral. Ihnen wird oft gesagt, Lehre sei wichtig. Leider muss man dann feststellen, dass sie in Berufungsverfahren kaum zählen. Ein Land wie Niedersachsen, das stark in der Lehrkräftebildung ist, muss gute Lehre nicht nur ermöglichen und fördern, sondern auch sichtbar wertschätzen. Gerade angesichts des Handlungsbedarfs in unserem Bildungssystem ist dies zentral.
Nationale und internationale Sichtbarkeit ist wichtig, aber nicht für alle erreichbar.
Sie haben beide die regionale Wirkung der Hochschulen angesprochen. In Ausschreibungen spielen nationale und internationale Sichtbarkeit weiterhin eine große Rolle. Sehen Sie hier einen Widerspruch?
Allmendinger: Ja, aber er ist lösbar. Nationale und internationale Sichtbarkeit ist wichtig, aber nicht von allen Hochschulen erreichbar. Nicht nur deshalb müssen wir auch regionale Wirkungen fördern und anerkennen. Wir stehen vor so vielen gesellschaftlichen Herausforderungen, die Hochschulen unmittelbar betreffen – Stichwort Demokratie, gesellschaftlicher Zusammenhalt, auch Bedrohungen von rechts.
Hochschulen prägen Haltungen und tragen Verantwortung für den öffentlichen Diskurs. Wir wissen, dass das Wahlverhalten der Bevölkerung, insbesondere die Zustimmung zu demokratischen Werten, stark mit der Nähe zu Bildungseinrichtungen zusammenhängt. Der Austausch mit der Bevölkerung, den Kommunen und anderen Akteuren ist daher sehr wichtig und erfordert entsprechende Formate. Wirkung zeigt sich hier oft nicht kurzfristig. Aber wir dürfen diesen Bereich nicht ausblenden, nur weil er schwer messbar ist.
Kommen wir zum wirkungsorientierten Monitoring. Frau Hartmann, welche Ziele verfolgen Stiftung und Wissenschaftsministerium im Kontext von PSE?
Hartmann: Wir haben in der Allgemeinen Förderung der Stiftung bereits ein Konzept entwickelt, um systematisch zu verfolgen, welche Wirkung unsere Förderung entfaltet. In ähnlicher Weise entwickeln wir nun ein Konzept für PSE. Gemeinsam mit dem Ministerium, fachlich unterstützt durch ein Team vom Fraunhofer ISI und im engen Dialog mit den Hochschulen definieren wir Wirkungsbereiche, sogenannte Impact Pathways.
Dabei geht es nicht darum, dass jede Hochschule in allen Bereichen maximal erfolgreich ist. Entscheidend sind passende, realistische Ziele. Das Monitoring soll helfen zu erkennen: Was entwickelt sich gut? Wo braucht es Nachsteuerung? Und wo haben sich Rahmenbedingungen so verändert, dass Ziele angepasst werden müssen?
Die Daten, die wir erheben, sollen unmittelbaren Nutzwert haben.
Der Blick auf das Gesamtsystem eröffnet auch Chancen für Kooperationen. Wenn mehrere Einrichtungen ähnliche Ziele verfolgen, ist niemandem mit parallelen Strukturen gedient. Wirkungsorientiertes Monitoring kann helfen, solche Schnittstellen sichtbar zu machen und Zusammenarbeit zu fördern.
Allmendinger: Trivial ist dieses Monitoring nicht. Auch weil der größte Mehrwert oft im Zusammenspiel entsteht - zwischen Hochschulen, außeruniversitären Einrichtungen und anderen Akteuren. Diese Effekte lassen sich nicht isoliert auf der Ebene einzelner Hochschulen erfassen. Aber man kann sie sichtbar machen und betonen. Gegen Ende meiner Amtszeit als Chefin eines Leibniz-Instituts fand ich es gar nicht mehr richtig, mein Institut isoliert als Institut zu evaluieren. Denn die Hauptwirkung erzielte es in der Kooperation mit anderen regionalen, nationalen und internationalen Einrichtungen.
Wie verhindern Sie, dass Monitoring als Kontrolle wahrgenommen wird?
Hartmann: Indem wir es dialogisch anlegen. MWK und Stiftung entwickeln Wirkungslogiken nicht am grünen Tisch, sondern gemeinsam mit den Hochschulen. Es geht um Lernen auf beiden Seiten. Außerdem dient das Monitoring nicht der Bewertung einzelner Einrichtungen im Sinne eines Rankings. Die Fördereinrichtungen sollen strategische Fragen beantworten: Trägt eine Initiative zu den gesetzten Zielen bei? Wo entstehen unerwartete Effekte – positive wie negative?
Wir verstehen das Monitoring als Kooperation. Es wurde Fördergeld bewilligt, weil die vorgeschlagenen Strategien eingeleuchtet wurden. Nun wollen Ministerium und Stiftung an den Lerneffekten teilhaben. Im Sinne eines vertrauensvollen Miteinanders. Ich will auch betonen, dass wir mit diesem Prozess kein Mehr an Bürokratie aufbauen wollen. Die Daten, die wir erheben, sollen unmittelbaren Nutzwert haben.
Können Strategien unterwegs noch nachjustiert werden?
Hartmann: Auf jeden Fall! Wirkungsorientiertes Monitoring macht nur Sinn, wenn es kein starres System ist. Rahmenbedingungen verändern sich, gesellschaftliche Erwartungen auch. Dann müssen Ziele überprüft und angepasst werden. Monitoring liefert dafür eine fundierte Grundlage – nicht als Automatismus, sondern als Entscheidungsunterstützung.
Allmendinger: Ich gehe davon aus, dass sich bei der Midterm-Konferenz 2027 herausstellen wird, dass manche Strategieachse super, andere aber nicht aufgehen. Dann müssen die Hochschulen die Möglichkeit haben, ihre Strategien zu modifizieren – auch wenn das die Umwidmung von Fördermitteln mit sich bringt. Seit dem Programmstart 2024 haben sich Wissenschaft, Politik und Gesellschaft deutlich verändert. Entsprechend muss man den Hochschulen die Freiheit zubilligen, sich darauf einzustellen und flexibel anzupassen.
Wenn wir zehn Jahre nach vorn blicken: Was könnte PSE als größtes Förderprogramm in der Geschichte des Landes dann bewegt haben? Welches Mindset wünschen Sie sich von den Akteuren?
Allmendinger: Ich wünsche mir ein Mindset, das neue Gestaltungsräume mit Freude erschließt und auch nutzt! Dass sich dieses Mindset in den Mut überträgt, neue Ideen nicht nur zu haben, sondern sie auch umzusetzen. Dass man stolz ist auf die Leistung der eigenen Einrichtung. Dass man andere im System nicht als kompetitive Gegner sieht, sondern als Verbündete, mit denen man gemeinsam Ziele verfolgt. Das wäre ein echter Aufbruch.
Hartmann: Natürlich wird es auch in zehn Jahren noch Wettbewerb im Wissenschaftssystem geben. Trotzdem sehe ich eine Neuausrichtung des Verhältnisses zwischen Kompetition und Kooperation. Mehr in Richtung eines gemeinsamen Wettbewerbs mit gemeinsamen Zielen, nach dem Motto: "Ich will gut performen, aber nicht um den anderen auszustechen, sondern als Teil dieses Guten." Wenn wir so ein Mindset schaffen, können wir in Niedersachsen noch sehr viel erreichen.