Interview

Freiraum für den kreativen Funken in der Wissenschaft

#Grundlagenforschung

Interview: Gesa Jones

Kunstinstallation: Aus einem Plastikgehirn ragen elektrische Klemmen

Kreativität ist essenziell für die wissenschaftliche Arbeit: Neue Hypothesen oder Forschungsfragen entstehen selten aus reiner Rationalität. Der Bioinformatiker Martin Lercher widmet sich gemeinsam mit einem Kollegen der Frage, wie Wissenschaftler:innen Kreativität lernen können.

Herr Lercher, braucht man Kreativität in der Wissenschaft?

Martin Lercher: Wenn wir in der Wissenschaft keine Ideen haben, die wir testen können, dann machen wir auch keinen Fortschritt. Aus meiner Sicht beruht die Hälfte dessen, was Wissenschaft leistet, auf dem Prozess, neue Ideen zu entwickeln, und die andere Hälfte ist das Überprüfen dieser kreativen Leistung. Man braucht also sehr viel Kreativität in den Wissenschaften!

Sie haben dafür den Ausdruck "Night Science" geprägt, was bedeutet das?

Mein Kollege Itai Yanai und ich fassen unsere Bemühungen um den kreativen wissenschaftlichen Prozess unter "Night Science" zusammen. Entlehnt haben wir den Begriff von Francois Jacob, der den wissenschaftlichen Prozess als zweiteilig betrachtet hat und die gegensätzlichen Anteile "Day Science" und "Night Science" nennt. Day Science ist das, was wir alle kennen: Man testet – zum Beispiel im Labor – seine Theorien und Hypothesen. Night Science dagegen ist der kreative Prozess. Die Metapher passt, da die Nacht zum Träumen da ist und die Gedanken freier sind als während des Tages.

Wie werden Forschende kreativer?

Sie müssen sich zuerst bewusst machen, dass es diesen kreativen Prozess überhaupt gibt. Und, dass sie das Instrumentarium für neue Ideen gezielt lernen können.
Wissenschaftler:innen bekommen Kreativitätswerkzeuge ja praktisch nie formal beigebracht. Es gibt verschiedene Herangehensweisen, auf die viele Forschende im Laufe ihrer Karriere von selbst kommen oder die sie sich von einer Mentorin oder einem Mentor abschauen.

Ein Mann mit Brille schaut in die Kamera und lächelt.

Martin Lercher 

Aber hier kann man ansetzen: Wissenschaftler:innen können das Instrumentarium für neue Ideen auch gezielt lernen, können ermutigt werden, sich den Freiraum zu nehmen, den es dafür braucht. Hier setzt die Förderinitiative der VolkswagenStiftung an, die bisher einmalig in der deutschen Förderlandschaft ist.

Und natürlich müssen sich die Forschenden die Zeit nehmen, die es dafür braucht. Damit tun sich viele Wissenschaftler:innen schwer, mich eingeschlossen.

Können Sie ein Beispiel für ein kreatives Werkzeug nennen?

Das einfachste und wichtigste ist, mit einer anderen Person zu reden – und zwar mit einer positiven Grundhaltung und einem offenen Mindset – um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Menschen im Allgemeinen und Wissenschaftler:innen im Besonderen haben die Neigung, erstmal darüber nachzudenken, warum etwas nicht funktionieren, was an einer Idee nicht stimmen kann. Wir müssen lernen, das beiseitezuschieben, wenn wir Neues entwickeln wollen. Wir müssen positiv sein, um den Ideen zu helfen, sich zu entwickeln, das ist extrem wichtig – und das kann man einüben.

Wir müssen positiv sein, um den Ideen zu helfen, sich zu entwickeln.

Martin Lercher

Man kann Kreativität nicht auf Knopfdruck abrufen. Wie nähern sich Forschende ihr am besten?

Der kreative Prozess besteht aus mehreren Phasen: In einer frühen Phase muss man erst einmal Informationen sammeln und sich darüber klar werden, welches Problem es zu lösen gilt. Typischerweise löst man das nicht sofort, es gibt eine Art Inkubationsphase, in der das Unbewusste Gelegenheit hat, daran zu arbeiten. Dann kommen Ideen für die Lösung oft später und urplötzlich, wenn man gar nicht damit rechnet.

Welche Situationen können das sein?

Das ist für unterschiedliche Leute verschieden: Im Podcast meinte ein Wissenschaftler, seine Ideen habe er eigentlich immer, wenn er aus dem Bus aussteigt. Eine andere Wissenschaftlerin berichtete von Eingebungen beim Socken falten. Es ist sehr unterschiedlich, aber typischerweise kommen die besten Ideen, wenn man etwas macht, was gar nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hat und was einen mental nicht zu stark beschäftigt.

Wo und wie kann man kreative Techniken lernen?

In unserem Night-Science-Podcast sprechen Itai Yanai und ich mit Gästen darüber, welche Werkzeuge sie für ihre wissenschaftliche Kreativität nutzen. Das kann eine wertvolle Inspirationsquelle sein, gerade für jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. 

Und im Night Science Institute, unserem Non-Profit Institut in New York, haben wir eine Workshop-Reihe entwickelt. Die Teilnehmenden lernen die Dichotomie des wissenschaftlichen Prozesses kennen, den kreativen und den testenden Teil. Anschließend erklären wir etliche Werkzeuge und probieren sie gemeinsam aus. 

Typischerweise kommen die besten Ideen, wenn man etwas macht, was gar nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hat.

Martin Lercher

Warum haben Sie das Night Science Institut gegründet?

Wir wollen erreichen, dass der wissenschaftliche kreative Prozess und die dafür hilfreichen Werkzeuge ein integraler Bestandteil des Studiums wird. Dafür braucht man aber einen langen Atem. 
Wir denken dabei zunächst an die Graduiertenausbildung, also an Promovierende. Idealerweise beginnt man bereits während des Universitätsstudiums oder sogar schon in der Schule, davon sind wir aber noch weit entfernt. Aber ein Anfang ist gemacht: Sie erreichen mich beispielsweise gerade in New York, wo Ende April unsere Train-the-Trainer-Workshop-Reihe an der New York Academy of Sciences beginnt. Am 30. September 2026 werden wir diesen auch in Deutschland anbieten, am Heidelberger EMBL-Institut. Bewerben können sich Forschende aus allen Disziplinen über unsere Website night-science.org.

Ein Plastikgehirn aus dem einzelne bunte Kabel herausragen, die elektronische Klemmen sind.
Illustration mit zwei Personen unter Sternenhimmel, die staunend durch ihre Ferngläser schauen

Night Science – Raum für kreatives Denken

Interdisziplinäre Tandems aus jeweils zwei Wissenschaftler:innen aus den Natur-, Lebens- oder Technikwissenschaften können Fördermittel beantragen, um ihre kreativen Fähigkeiten im Forschungskontext zu erweitern und unkonventionelle Ideen, Hypothesen oder Theorien zu entwickeln.

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