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Neue Forschungsräume wagen: Fünf Jahre "Aufbruch" in den Geistes- und Kulturwissenschaften

Zu sehen sind drei junge Menschen auf dem Weg zu einem Berggipfel im Hintergrund des Bildes.

Mit der Förderinitiative "Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes‑ und Kulturwissenschaften" hat die VolkswagenStiftung seit 2021 insgesamt 57 Projektteams dabei unterstützt, neue Denk‑ und Forschungsräume zu erschließen. Auch nach dem Abschluss des Förderangebots wirken die geförderten Projekte weiter, ebenso wie das in der Initiative erfolgreich erprobte Begutachtungsverfahren "Distributed Peer Review".

"Aufbruch" richtete sich an Projektteams von zwei oder drei Forscher:innen aus den Geistes- und Kulturwissenschaften und Teilen der Sozialwissenschaften. Gefördert wurden Vorhaben mit hohem Risiko und offenem Ausgang – ausdrücklich auch mit der Möglichkeit des Scheiterns.

Die Aufbruch-Initiative hat gezeigt, wie wichtig themenoffene, explorative Förderung für die Geistes- und Kulturwissenschaften ist.

Pierre Schwidlinski, Förderreferent Team Exploration

Vielfältige Disziplinen und ungewöhnliche Perspektiven 

Die geförderten Projekte spiegeln die gesamte Breite der Geistes- und Kulturwissenschaften wider, von Philosophie und Theologie über Geschichts- und Literaturwissenschaften bis hin zu Medienwissenschaften, Soziologie oder Politikwissenschaften. Unter den Geförderten finden sich sowohl etablierte Professor:innen als auch Postdoktorand:innen in frühen Karrierephasen.

Einige der Projekte stellen wir im Folgenden vor. Sie zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich die im Rahmen von "Aufbruch" verfolgten Fragestellungen und Methoden sein konnten – von künstlerisch-experimenteller Forschung über globale Migrationsstudien bis hin zu digitalen Methoden der Textanalyse. 

"Aufbruch" hat uns den Freiraum gegeben, ein innovatives und spannendes interdisziplinäres Forschungsfeld zu erschließen.

Thomas Hoffmann, Universität Eichstätt

KI im musikalischen Dialog 

"Das explorative Format ermöglichte es uns, unerwarteten Ergebnissen nachzugehen und die Methoden dann entsprechend den tatsächlichen Geschehnissen neu zu gestalten." 
Örjan De Manzano

Künstliche Intelligenz verändert zunehmend die Welt der Musik. Örjan De Manzano (Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik) und Oded Ben-Tal (Kingston University) möchten herausfinden, wie sich menschliche und künstliche Kreativität beim gemeinsamen Musizieren miteinander verschränken. Mithilfe modernster Analysemethoden untersuchen sie die kognitiven Dynamiken der Improvisation und erforschen, wie interaktive KI-Systeme die menschliche Kreativität unterstützen können – anstatt sie zu ersetzen. Das Projekt schlägt eine Brücke zwischen künstlerischer Praxis und empirischer Forschung und vereint Musik, Technologie und Kognitionswissenschaften. Ziel ist es, neue Erkenntnisse über gemeinsames Handeln, Ko-Kreativität und die Bedingungen zu gewinnen, die musikalische Kreativität fördern. 

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank: Creative Musical Dialogues between Human and Machine: a Novel Approach to Studying Improvisation and Joint Action 

Eine Bühne, darauf ein Pianist an einem Flügel, ein Mensch an einem Mikrofon und ein Mensch an einem Tisch, darauf ein Laptop

Öffentliches Konzert mit Mensch und Maschine des Projekts im MPIEA; 18. Januar 2024, mit Professor David Dolan, Örjan De Manzano und Oded Ben-Tal (v.l.n.r.) Foto: Felix Bernoully 

Maritime Fluchtbewegungen neu denken 

""Aufbruch" ermöglichte uns einen globalen und intensiven Ideenaustausch über die Militarisierung und Politisierung des Meeres gegenüber Flüchtlingen anzustoßen."
Gerhard Hoffstaedter

Flüchtlinge, die über das Meer fliehen, riskieren häufig ihr Leben – dennoch stehen in den Refugee Studies bislang vor allem landbasierte Fluchtbewegungen im Fokus. Antje Missbach und Gerhard Hoffstaedter möchten mit ihrem Projekt an der Universität Bielefeld deshalb einen "Maritime Turn" anstoßen und rücken Fluchtrouten und Erfahrungen auf See stärker in den Mittelpunkt der Forschung. In einem interdisziplinären und transnationalen Maritime Refugee Laboratory untersuchen Forschende, wie Abschreckungspolitiken, Rettungsverweigerung oder Landeverbote Risiken erhöhen und Fluchtwege verlängern. Ziel ist es, neue Perspektiven auf globale Migration zu entwickeln und die besonderen Herausforderungen maritimer Fluchtbewegungen sichtbar zu machen. 

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank:
Theorising (im)mobilities at sea: Challenging the terra firma bias in Refugee Studies through human maritime movements 

Workshop-Teilnehmende in KualaLumpuf

Antje Missbach (2. Reihe, 2. v.r.) und Gerhard Hoffstaedter (1. Reihe, ­5. v.r) mit Teilnehmenden eines Schreibworkshops für das Maritime Refugee Lab in Kuala Lumpur, Malaysia. 

Wie sprachliche Kreativität entsteht 

""Aufbruch" hat uns den Freiraum gegeben, ein innovatives und spannendes interdisziplinäres Forschungsfeld zu erschließen."
Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann und Marco Steinhauser von der Universität Eichstätt erforschen, wie kreative Sprachverwendung entsteht, also wie Menschen neue Gedanken auf originelle Weise sprachlich ausdrücken. Ein interdisziplinäres Team aus Linguistik und Neurokognitionsforschung entwickelt dafür das erste prädiktive neurokognitive Modell für kreative Sprachverwendung und eröffnet damit neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Sprache, Denken und Gehirn. 

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank:
Predictive Construction Grammar - Developing a neurocognitive model of linguistic creativity 

Portrait mit zwei Männern

Thomas Hoffmann und Marco Steinhauser

Sagen und ökologische Vorstellungen 

"Wir sind wohl eines der ersten literaturwissenschaftlichen Projekte, bei dem Wanderschuhe zur Forschungsausstattung gehörten. Wenn man den Schreibtisch verlässt und den Erzählungen und Sagengestalten in der Landschaft nachgeht, kann man Erstaunliches entdecken."
Joana van de Löcht

Im Projekt "Ecofolk" untersuchen Joana van de Löcht (Universität Münster) und Niels Penke (Universität Siegen) Sagen und Märchen aus Harz, Schwarzwald und Böhmen im Hinblick auf ihr ökologisches und kulturpoetisches Potenzial. Im Fokus stehen (über-)natürliche Figuren wie Zwerge und Wassergeister, die traditionelle Vorstellungen von Mensch-Natur-Verhältnissen prägen, die sich in den vergangenen 400 Jahren fundamental veränderten. Zugleich richtet das Projekt den Blick auf heutige Inszenierungen dieser Sagen, vom regionalen Naturmarketing bis hin zu Festkulturen wie Walpurgisnacht oder Fasnacht. 

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank:
Ecofolk. On the agency of (super-)natural entities of German low mountain ranges 

Mehrere Personen bei einer Wanderung blicken auf ein Denkmal mit einem Adler

Forschungswanderung auf dem Hübichenstein

Historische Kurzschrift digital entschlüsseln 

"Für uns war das eine außergewöhnliche Gelegenheit, Grundlagenforschung zu etablieren und eine Basis für die rechnergestützte Entzifferung aller Varianten von Stenographie zu legen."
Tino Licht

Tino Licht (Universität Heidelberg), Vincent Christlein (Universität Erlangen-Nürnberg) und Nikolaus Weichselbaumer (Universität Mainz) möchten den bislang kaum erforschten "Vergilius Turonensis" entziffern, eine Handschrift aus dem 9. Jahrhundert mit Kommentaren in antiker Stenografie. Dafür entwickelt das Team ein digitales Werkzeug zur "betreuten Dechiffrierung" historischer Kurzschriftsysteme und schafft damit neue Zugänge zu schwer lesbaren Textzeugnissen. Mit seiner Verbindung von Mittellatein, Buchwissenschaft und Mustererkennung leistet das Projekt Pionierarbeit an der Schnittstelle von Geisteswissenschaft und digitaler Technologie. 

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank:
Stenographie in historischen Dokumenten. Entwicklung eines Kurzschrifttools auf Grundlage der Dechiffrierung eines Vergilkommentars in tironischen Noten 

Drei Männer in einem Treppenaufgang

Tino Licht, Vincent Christlein und Nikolaus Weichselbaumer beim Forum "Aufbruch" im März 2026 (v.l.)

Klima, Migration und operative Plattformen 

"Die ergebnisoffene Förderung führte zu einer Offenheit im Denken und Handeln – und zu einem gemeinsamen Arbeitsprozess, der allein nicht entstanden wäre."
Svea Bräunert

Das Projekt "Border Values" von Winfried Gerling, Paul Heinicker und Svea Bräunert an der Fachhochschule Potsdam analysiert die europäische Plattform CALLISTO, die Daten aus Satelliten, Drohnen und sozialen Medien per KI verknüpft. Mit einem interdisziplinären Ansatz aus Medienwissenschaft, Gestaltung und künstlerischer Forschung untersucht das Team, wie Klima- und Migrationspolitik durch datengestützte Technologien operativ miteinander verflochten sind.  

Mehr zum Forschungsprojekt in der Projektdatenbank:
Border Values: Operational Relationships of Climate and Migration 

flache Landschaft mit meterhoher Abbruchkante

Svea Bräunert, Winfried Gerling und Paul Heinicker bei Feldforschung zu einer virtuellen Grenze im griechischen Böotien, Dezember 2024.

Neue Wege in der Begutachtung: Distributed Peer Review  

Die Stiftung erprobt kontinuierlich neue Methoden der Förderpraxis. In der Initiative "Aufbruch" wurden innovative Ansätze im Begutachtungsverfahren getestet. Parallel zum klassischen Panel-Review erfolgte die Projektauswahl erstmals auch über das Distributed Peer Review (DPR) Verfahren, bei dem die Antragstellenden gegenseitig ihre Anträge begutachten. 

Um weitere Erfahrungen zu sammeln, wird die Stiftung DPR künftig auch in anderen Förderinitiativen einsetzen, aktuell etwa in der Förderinitiative "Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten". Weiterführende Informationen zum DPR-Verfahren und den bisherigen Erfahrungen der Stiftung finden Sie unter "Begutachtung per Distributed Peer Review".

mehrere Holzfiguren stehen vor und hinter einer Lupe

Begutachtung per Distributed Peer Review Verfahren (DPR)

Seit 2024 experimentiert die VolkswagenStiftung mit "Distributed Peer Review", einem Begutachtungsverfahren, bei dem sich die Antragstellenden gegenseitig begutachten. Hier finden Sie alle wichtigen Infos rund um das Verfahren.

Mehr erfahren

Perspektiven für zukünftige Förderangebote 

Nach vier Ausschreibungsrunden wurde "Aufbruch" abgeschlossen. Das weiterhin hohe Interesse an der Initiative zeigt jedoch, dass der Bedarf für derartige Förderformate weiterhin besteht. Pierre Schwidlinski, für die Initiative zuständiger Förderreferent, betont: ""Aufbruch" hat gezeigt, wie wichtig themenoffene, explorative Förderung für die Geistes- und Kulturwissenschaften ist. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr optimal passen: Viele Vorhaben brauchen längere Laufzeiten und Anschlussmöglichkeiten, damit aus neuen Forschungsräumen nachhaltige Impulse entstehen können." 

Die VolkswagenStiftung hat daher einen Prozess zur strategischen Weiterentwicklung ihrer Förderung in den Geistes- und Kulturwissenschaften gestartet. In Gesprächen mit internationalen Expert:innen sowie bei einer größeren Veranstaltung im Spätsommer 2026 werden die zukünftigen Rollen und Funktionen der Geistes- und Kulturwissenschaften in Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert werden.  

Auf dieser Grundlage entwickelt die Stiftung ein neues Förderprogramm, das aktuelle Bedarfe besser abbilden soll – und zugleich den mutigen, impulsgebenden Charakter bewahrt, der "Aufbruch" geprägt hat. 

Mehr Infos

Illustration mit drei Personen mit Rucksäcken, die eine lange Straße hinunterblicken
Förderangebot

Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften (beendet)

Das Angebot wendet sich an Projektteams von zwei oder drei Forscher:innen, die sich gemeinsam der Exploration neuer und innovativer Forschungsräume widmen möchten.

Blick in den unterirdischen Konferenzraum von Schloss Herrenhausen, Hannover
Veranstaltung

Geistes- und Kulturwissenschaften 2040: Neue Horizonte und Entwicklungen

Wie verändern technologische Umbrüche, globale Verschiebungen und gesellschaftliche Dynamiken die Geistes- und Kulturwissenschaften? Das Symposium am 21. und 22. September 2026 eröffnet Raum für visionäre Perspektiven auf ihre zukünftigen Rollen und Entwicklung bis 2040. Postdocs können sich bis 22. Mai 2026 für Travel Grants bewerben.

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